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Testbericht

21. November 2009

Der Sommer fällt auf einen Donnerstag. Und beginnt mit der erfreulichen Feststellung, dass der Bentley Continental noch dort parkt, wo er gestern Abend abgestellt wurde - an der Straße, gleich neben dem Berg abholbereiter Gelber Säcke. Der einzige freie Platz. Obwohl er versucht, die Contenance zu wahren, schaut der 222.649 Euro teure Bentley doch etwas pikiert. Er gehört nicht hierher.

Die Speed-Version des Bentley Continental GTC kostet 24.990 Euro Aufpreis Sonst bewegt er andere Kreise. Diese residieren nicht in 3-ZKB-Mietwohnungen, sondern auf garagenreichen Anwesen, die sich mit manikürten Parks umgeben. Herrendiener sind bei ihnen keine klapperigen Jackettständer, sondern sozialversicherungspflichtig, und die Frage, ob 24.990 Euro extra für die 50 PS stärkere Version des Bentley Continental GTC lohnen, ist keine des Geldes. So richtig aufgedrängt hat sich die Speed-Variante des Continental GTC ohnehin nicht. Man muss schon von einem sehr ausgeprägten Leistungs- und Tempobedürfnis getrieben sein, um die Standardversion mit ihren 560 PS als etwas schwächlich zu empfinden. Wodurch sich Bentley nicht abhalten lässt, den durch gesteigerte Effizienz und leichtere Bauteile auf 610 PS gestärkten W12 auch im GTC anzubieten. Dazu wird die Karosserie des Cabrios vorn um 15 sowie hinten um zehn Millimeter tiefergelegt und bekommt die Speed-Insignien: den Kühlergrill, durch den sich der Motor 14 Prozent mehr Frischluft zieht, 20-Zoll-Leichtmetallräder sowie den wenig distinguierten Heckspoiler. Die Speed-Modelle von Bentley knüpfen an die 1920er-Jahre an Im Coupé gibt es das schon länger. Es genügt ein bisschen Wühlen in der glorreichen Bentley-Vergangenheit, um eine Begründung für die Speed-Modelle hervorzukramen: Sie knüpfen an die gleichnamigen Autos der 1920er-Jahre an. Mit denen unterbrachen wohlsituierte Gentlemen ihre Alltagsroutine - bestehend aus Besuchen im Herrenclub am Nachmittag und dem Wechseln von Damenbekanntschaften am Abend -, um ihren Mut auszutoben. Nun ist Mut ja bisweilen nichts anderes als die Fehleinschätzung von Risiko, deswegen jetzt lieber vorsichtig. Starterknopf drücken, und der Anlasser rüttelt den Sechsliter-Biturbo sanft wach. Das Triebwerk fällt in einen Leerlauf, leise und so vibrationsarm, dass sich die Tauperlen auf der hochglanzpolierten Motorhaube kaum regen. Der aus dem VW Phaeton übernommene W12-Motor leistet 750 Newtonmeter Sie flitzen über den Lack, sobald der Wählhebel der ZF-Sechsgangautomatik auf D rückt und sich der große Zeh auf das Gaspedal spreizt. Alle Souveränität geht vom Volkswagen -W12 aus. Schon bei 1.600 Touren hat das aus dem Phaeton übernommene, aber umfangreich überarbeitete Triebwerk eine massige Drehmomentwand aufgestapelt, die erst bei 750 Newtonmeter über Null an die Decke stößt und sich bis zum Drehzahlhorizont bei 6.100/min zieht.

Bei offenem Verdeck sind bis zu 314 km/h möglich Wer es drauf anlegt, den fegt diese Kraft in kaum fünf Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 - wobei dazu keinerlei Können gehört: Auto mit dem linken Fuß festbremsen, rechten Fuß auf Halbgas, Bremse schnalzen lassen, dann aufs Gas latschen, bis das Pedal tief im flauschigen Bodenteppich versinkt. Um den Rest kümmern sich die Automatik mit ihren im Sportprogramm schnellen Schaltzeiten und der Allradantrieb, der mit vollautomatischer Kraftverteilung über das Torsen-Mittendifferenzial jederzeit für unerschütterliche Traktion sorgt. Selbst bei hohem - also richtig hohem - Tempo bleibt der Speed gelassen. Als Höchstgeschwindigkeit gibt Bentley zwei Werte an: 322 mit geschlossenem und 314 km/h mit offenem Verdeck. Ernsthaft sportlich wird es im Bentley Continental GTC Speed nie Querdynamik? Ja nun, ist eben doch ein Zweieinhalb-Tonnen-Brocken, der sich da um die Ecken drängt. Ernsthaft sportlich wird es nie. Da helfen dem Speed auch die selbst in der straffsten ihrer vier Kennlinien verbindlichen Dämpfer und die gefühlvoll-präzise Lenkung wenig. Wegen seiner Fülle werden ihm Landstraßen bald eng. Verschlungene Strecken verlangen daher vom GTC-Fahrer den nötigen Snobismus, Duell-Herausforderungen von GTI-Fahrern nicht mal zu ignorieren. Die große Weite beherrscht der Bentley Continental GTC Speed dagegen tatsächlich noch souveräner als der normale GTC, was vor allem an den 100 Nm mehr Drehmoment liegt. Die enormen Fahrleistungen sorgen dafür, dass Europa als Kontinent fast ein bisschen klein scheint für den Continental, der nach dem Frühstück in Paris aufbrechen kann, um zum Dinner locker in Edinburgh zu sein. Im Interieur sorgen Holz, Leder und Chrom für ein luxuriöses Ambiente So viel zu den Speed-Eigenschaften des GTC. Jetzt zu seinem Charakter - dem des wahren Bentley. So strömt die Sommerfrische auch im Speed durch ein Interieur, das ausschließlich aus Holz, Leder und verchromtem Metall zu bestehen scheint. Die winzigen Unregelmäßigkeiten der Verarbeitung zeugen von der Handarbeit. Ihre herausragende Qualität rettete Bentley aus einer Zeit herüber, in der es noch nicht ausreichte, besonders gut im Fußball oder Sprechgesang zu sein, um sich solch einen Wagen leisten zu können.

Erst kommt die Nacht, dann die Kühle. Als es selbst mit hochgefahrenen Scheiben zu frisch wird, zieht der GTC sein Stoffdach über und isoliert die zuvor so exponierten Passagiere in einem hoch luxuriösen Separee von der Welt. Auf der Heimfahrt zupft der Wind sachte am Dach, das lauteste Geräusch macht der Blinker, der tickt wie eine alte Standuhr auf Schloss Windsor. Schwere Regentropfen, die dumpf auf sein dickes Verdeck trommeln, benetzen am nächsten Morgen den Bentley Continental GTC Speed. Sie zeugen davon, dass er noch immer nicht hierher gehört - und dass der Sommer, der auf einen Donnerstag fiel, vorbei ist.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2009-11-21

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