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Testbericht

2. Mai 2012

Ein schweres Luxus-Cabrio wie den Bentley Continental GTC ein Symbol hedonistischer Maßlosigkeit zu nennen fällt vordergründig immer leicht. Schließlich spricht rational wenig dafür, zum Mittel der Fortbewegung von zwei Erwachsenen plus Gepäck einen offenen 2,5-Tonnen-Koloss mit 575 PS zu betrauen. Doch wer im Herrgottswinkel seiner Seele nur einen Funken Begeisterung für die Großartigkeit automobiler Handwerkskunst aufspüren kann, wird mit seiner Kritik genau dann verstummen, wenn er dem Bentley Continental GTC gegenübertritt - und einfach nur versonnen staunen.

Clubatmosphäre auch im abgespeckten Innenraum Der 2 2-Sitzer imponiert mit seiner kaum verhohlenen Masse, die sich mit bestechender Gegenwärtigkeit inszeniert, statt sich klein zu schummeln. Schon das Öffnen der schweren Wagenschläge setzt der Tendenz zum Leichtbau einen anderen Trend entgegen: Der satte Zug am Türgriff vermittelt ein Gefühl der Solidität, das unterbewusst als Dauerhaltbarkeit gedeutet und sehr positiv abgespeichert wird. In unruhigen und von stetem Wandel geprägten Zeiten befriedigt es das Verlangen nach Beständigkeit. Doch erst der Inhalt der Schatztruhe bringt die Augen jedes verführbaren Automobilisten zum Leuchten. Hochflorige Teppiche, ausgefallene Holzfurniere, kunstvolle Nähte oder individuelle Bestickung der Kopfstützen beeindrucken, gehören andererseits in der automobilen Luxusklasse natürlich zum guten Ton. Doch ein Brillenetui aus Wurzelholz, das in die Cupholder-Aussparung passt, ist genau jene britische Eigenbrötelei, welche die deutsche Ordnungsseligkeit des standardisierten Entertainment-Bedienfelds würzt. Im Vergleich zu ihren Vorgängern haben die Sitze der zweiten GTC-Generation um etwa einen Zentner abgespeckt. Dennoch repräsentieren sie noch immer eine polyglotte Club-Atmosphäre und lassen den Innen- zu einem Genussraum werden. Sie haben gleichsam optisch Gewicht und drücken eine spürbare, aber alles andere als einengende Körperlichkeit aus; der perfekte Platz, um Eindrücke sacken zu lassen. Da wäre primär das Aroma des Grade-A-Leders, das so nachhaltig in der Luft hängt, dass es kaum durch die geöffnete Tür entweicht – der charakteristische Duft des automobilen Oberhauses als gewolltes Ergebnis von großflächiger Gerbstoff-Ausdünstung. Er überdauert in der Regel die Zeit, erfreut die Nase wahrscheinlich dann noch, wenn der Continental zum Oldtimer gereift ist. Bei Schmuckstücken wie diesem kann man sich gut vorstellen, dass es innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergereicht wird. Dank zeitlosem Design ist der GTC bereits heute ein lebender Klassiker und an Eleganz kaum zu übertreffen – geöffnet wie geschlossen.

Im Bentley Continental GTC herrscht offen Zugfreiheit Der Bentley Continental GTC zählt nicht zu den Cabrios, denen man das Verdeck am liebsten sofort entfernen möchte, weil es wie ein notdürftiger Unterstand wirkt. Im Gegenteil: Die von Valmet gefertigte Stoffhaube ist ein fast schon sinnlicher Gegenpol zum massigen Blechkörper und verleiht dem Cabrio eine eigenständige, äußerst reizvolle Silhouette. Dank dreilagigem Aufbau filtert es Windgeräusche effektiv heraus: Gespräche müssen selbst bei Tempo 200 nicht verstummen. Der kleine, fast unscheinbare Knopf, welcher Hydraulik und Elektromotoren befehligt, liegt in der Mittelkonsole hinter dem Getriebe-Wählhebel. 25 Sekunden zählen die Open-Air-Saison ein, wobei jegliche Vorstellung, der Bentley würde eine Mütze vom Kopf ziehen, ein ausgeprägter Euphemismus ist: In Wahrheit schwebt ein ganzer Baldachin über den Häuptern hinweg, faltet sich kunstvoll zusammen und verschwindet in seiner Truhe – notfalls auch bis 30 km/h, falls die Ampelphase nicht ausgereicht hat. Fürsorglich, wie der Wagen nun mal ist, fährt er zu guter Letzt selbsttätig die vier Seitenscheiben hoch. Windschott? Wer im GTC den Drang danach verspürt, ist definitiv kein Cabrio-Typ und sollte Coupé fahren. Nicht nur, weil ein hinter den Sitzen aufragender Windfang die Linie des zweitürigen Schlachtschiffs verschandelt. Nein, schon ohne herrscht fast Zugfreiheit – bei Landstraßen-Tempo. Nur wenige offene Wagen werden so konsequent zum rollenden Sonnendeck, über das lediglich eine seichte Brise streicht. Cabriowetter ist praktisch immer dann, wenn es nicht regnet – die Temperatur lässt sich schließlich im Bentley justieren. Dabei merkt sich die Klimaanlage die unterschiedlichen Einstellungen bei geöffnetem oder geschlossenem Verdeck, heizt notfalls den Fußraum auf, während von hinten selbst in Tiefdruckgebieten ein warmer Sommerhauch den Hals umschmeichelt. Der Nackenföhn ist jetzt auch bei Bentley angekommen, wenngleich sich sein Bedienknopf verschämt versteckt – zwischen Schweller und Sitzwange. Sinnliches Fahren ohne Schwitzen zählt zur Domäne des GTC, dessen Schwere hier erneut angenehm beruhigend wirkt. Das tiefe Murmeln des Zwölfzylinders und das wiegende Wesen der Luftfederung begünstigen die Sehnsucht nach idyllischen Szenerien, wie sie in nostalgischen Heimatfilmen existieren. Bewährtes Mittel gegen Müßiggang ist ein Tritt aufs Gaspedal, und die reale Landschaft wischt im schnellen Suchlauf vorbei.

Viel Leistung trifft auf viel Masse 575 PS versprechen dabei mehr Dramatik, als sie halten; das Beschleunigungs-Gefühl liegt etwa auf dem hohen Niveau eines BMW 535d. Die zweieinhalb Tonnen wuchten sich aus dem Stand in 4,8 Sekunden auf 100 km/h, was in Zahlen ausgedrückt mächtiger erscheint, als es sich anfühlt. Die träge Masse lässt sich nicht einmal von 700 Nm zu Temperamentsausbrüchen bewegen. Immerhin wehrt sich der Bentley Continental GTC noch weniger als sein Vorgänger gegen den Ernst des Fahrens. Vielmehr wirkt die 40:60-Verteilung des Antriebsmoments zwischen Vorder- und Hinterachse der Kopflastigkeit ebenso entgegen wie das Eindrehen des Hecks bei Lastwechseln. Damit lässt sich auf kurvigen Strecken charmant spielen, immer in dem erhebenden Wissen, einen Wonneproppen im Riesenslalom durch die Hügel zu scheuchen. Dass beim Ausleben des Leistungshungers der Sprit strömt, wundert nicht. Der aus dem VW Phaeton stammende, aber aufgeladene W12 hat sich selbst überlebt und wird wohl auf Dauer vom neuen, kaum schwächeren, aber laut Bentley deutlich sparsameren Vierliter-V8 verdrängt werden. Fehlten nur noch Assistenzsysteme, welche zwar das Open-Air-Vergnügen nicht steigern werden, aber das gute, weil umsorgte Gefühl – und den GTC in der Moderne ankommen lassen. So ist es letztlich doch sein anachronistischer Charakter, der dem Continental den fünften Stern verwehrt.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2012-05-02

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