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Testbericht

16. Juli 2010

Der Bär versteckt sich. Irgendwo ganz hinten in der tiefschwarzen Höhle. Er möchte herausgelockt werden - mit Startknopf und Gaspedal. Automatikwählhebel in D und zart drauftreten, dann pirscht er sich ran. Die Schritte werden größer, das Wummern tiefer, bis er schließlich dumpf brüllend zum finalen Hieb ansetzt. Natürlich nur im übertragenen Sinne - schließlich geht es hier im Fahrbericht um den Bentley Continental Supersports Convertible, der sich gerade einen Tunnel zur Beute macht. Das 630 PS starke Luxuscabrio ist eines von denen, die uns schon längst auf Tempo 100 katapultiert haben, bevor wir ihren Namen komplett ausgesprochen haben. Und eines, das uns den Glauben an das System wiedergibt.

Bentley Continental Supersports auf dem Million Dollar Highway Daran, dass Geld und Leistung doch nicht so schlecht sind und wir glücklich sein können, die guten Zeiten des Verbrennungsmotors noch miterlebt zu haben. Wenn wir einst neben unserer Ladestation sitzen, den Kilowattstunden beim Fließen zusehen und uns zuraunen: Weißte noch, damals. Mit dem Conti Supersport in Telluride/Colorado, dessen Ortsname für "to hell you ride" stehen soll. Doch warum schickt Bentley den offenen Continental Supersports für einen Fahrbericht ausgerechnet in die Hölle? Wegen des San Juan Skyway, auch Million Dollar Highway genannt. Kurven, Cinemascope-Panoramen und die Rockies in 3D plus Schäfchenwolken am stahlblauen Himmel. Mindestens so adrenalinpushend wie die Doppel-Schwarz-Skipisten der Region. Und doppelt schwarz fühlt sich auch der Bentley Continental Supersports an, wenn er den Bär rauslässt. Sechsliter-W12, Biturbo - kennt man ja schon vom Conti GTC. Verarbeitung geht selbst in Supercar-Kreisen als vorbildlich durch Na ja, bis auf den Extrakick des Bentley Continental Supersports. Mehr Leistung, mehr Carbon, mehr Alcantara, mehr dunkles Metall, mehr böser Blick. Die Bentley-Verarbeitung geht ja selbst in Supercar-Kreisen grundsätzlich als vorbildlich durch. So soll es schon Freaks gegeben haben, die erst durch Androhung körperlichen Zwanges die Hände von den Lüftungsreglern (Organ Stops) und Ausströmern (Bulls Eyes) genommen haben. Ach, und das neue Power-Cabrio läuft sogar serienmäßig als Flexfuel mit E85 Bioethanol, was dem Briten ein hauchdünnes Ökomäntelchen überwirft. Doch das verflüchtigt sich, sobald der Fahrerfuß das rechte Pedal in den Hochflor stanzt - und der 2,4-Tonner ein mächtiges Loch in die Luft. Überraschte Passagiere dürften jedoch erst mal nach Luft schnappen, wenn der großzügig biturbogeladene W12 im Fahrbericht seines Amtes waltet. Zuladung und Steigungen werden ignoriert Auf mildernde Umstände durch gnädigen Schlupf dürfen sie allerdings nicht hoffen. Dem steht der Allradantrieb mit der zudem handlingfördernden Kraftverteilung von 40 zu 60 entgegen, der dafür sorgt, dass im Fahrbericht auch keiner der 800 Newtonmeter Drehmoment auf dem Weg zwischen Rad und Asphalt verplempert wird. Stichwort Rad: An diesen erspart sich der Bentley Continental Supersports gegenüber der Speed-Variante (610 PS) insgesamt zehn Kilogramm, die Keramikbremsen weitere 20. Auch im Innenraum hungern die vorderen Carbonsitze 45 Kilogramm runter. Im Fond allerdings, wo beim Supersports-Coupé gewichtssparende Leere (minus 26 Kilogramm) herrscht, dürfen beim Convertible zwei Personen auf dem feinen Rautenstepp-Leder Platz nehmen. Was dem Power-Bentley so lang wie breit ist. Er ignoriert Zuladung ebenso lässig wie Steigungen, selbst die der Rocky Mountains inklusive der dünnen Luft auf 3.000 Meter Höhe. Die ZF-Sechsgangautomatik schaltet im Supersports schneller, erspart sich trotz der Möglichkeit doppelter Gangsprünge hektische Wechsel. Normalerweise richtet es schon das Drehmoment, bevor die Spitzenleistung an den Pirelli-Sportreifen der Dimension 275/35 ZR 20 ankommt. 100-Meilen-Marke in 9,6 Sekunden Kenner wissen: Firmengründer W.O. Bentley war Eisenbahnfreak, was nicht ohne Einfluss auf seine ersten Kreationen blieb. Furchterregende, leistungsstarke Monstren, die sich Konkurrenz und Straße untertan machten, anstatt ihnen bloß zu folgen. Schon im Jahr 1925 erreichte der erste Supersports mit Dreilitermotor die 100-Meilen-Marke. Unser Supersports Convertible durchbricht diese innerhalb von 9,6 Sekunden, um kurz danach sogar das 200-Meilen-Band zu reißen. Ja, selbst Kurven kann er. Vielleicht nicht unbedingt schwerelos hindurchcarven, doch anständige Querbeschleunigung aufbauen. Der 2,4-Tonner mit der 50 Millimeter breiteren Spur hinten und dem straffer abgestimmten Adaptiv-Fahrwerk bevorzugt im Fahrbericht die ruhige und stressarme, gleichwohl unbarmherzig schnelle Fortbewegung. Er folgt Straßenverläufen mit der leichtgängigen Lenkung verhältnismäßig behände, ohne die Insassen jemals durch unziemliche Härten zu verschrecken. Nur manchmal, wenn es einfach sein muss, lässt er seine Umgebung mit offenem Mund zurück. Beeindruckt von der schieren Leistung - alleingelassen in der Zwölfzylinder-Soundbrandung, den Blick fixiert auf die zügig entschwindenden ovalen Leuchteinheiten und ebensolche Auspuffrohre. Und schon ist der W12-Bär ebenso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Irgendwo auf der Road 550 in den Bergen Colorados.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2010-07-16

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