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Testbericht

17. Juni 2014
Was tun, wenn man nur noch wenige Monate zu leben hat? Diese Frage stellen sich zwei krebskranke, aber ansonsten sehr unterschiedliche Männer, die der Zufall ins gleiche Klinikzimmer gebracht hat. "Mit dem Fallschirm abspringen", sagt der eine. "Etwas Majestätisches erleben", meint der andere – "oder so sehr zu lachen, dass man weint". Eine Fahrt im Shelby Mustang steht ebenfalls auf der Liste der beiden, die sich fest an die Hoffnung klammern: Das Beste kommt zum Schluss. So wie Jack Nicholson und Morgan Freeman im gleichnamigen Film hat auch die 1986 eingeführte Audi-80-Generation ihre besten Tage bereits hinter sich und das Ende vor Augen, als sie es zur IAA im September 1993 noch mal richtig krachen lässt. Da präsentiert sich der Bürger-Meister als Bürgerschreck in leuchtendem Perleffekt-Blau, schert sich wenig um Dresscodes und noch weniger um etablierte Machtverhältnisse. Denn mit seinen 315PS übertrumpft der Audi Avant RS2 nicht nur das bisherige Topmodell der Reihe (S2 mit 230PS) sowie die Rivalen BMW M3 (286PS) und Mercedes C 36 AMG (280PS), sondern auch den Sportwagen schlechthin, den Porsche 911 (272PS). Noch ungewöhnlicher ist wohl nur die Tatsache, dass das stärkste Stück, der Audi Avant RS2, nicht als Coupé oder Limousine antritt, sondern ausschließlich als Kombi. Und damit genau in eine kleine, aber feine Marktlücke stößt, die bis dahin höchstens Aston Martin mit sündhaft teuren Einzelstücken namens Shooting Brake bedient: Sportwagen für Familie und Freizeit. Weil so etwas für Porsche damals noch nicht auf der Agenda steht, leisten die Weissacher Ingenieure sogar bereitwillig Entwicklungshilfe. Zunächst sind sie aber entsetzt angesichts der geforderten Leistung, die sie dem altbekannten 2,2-Liter-Fünfzylinder im Audi Avant RS2 entlocken sollen. Durch höheren Ladedruck (1,4 bar), bessere Ladeluftkühlung und einen größeren Turbolader pushen sie den erstaunlich standfesten Reihenmotor auf 315PS und 410Nm Drehmoment; optimierte Ansaugwege und eine voluminösere Abgasanlage verbessern den Durchsatz. Natürlich wird auch das Quattro-Fahrwerk angepasst: Neben Querlenkern aus Guss statt aus Blech, strafferen Dämpfern und stärkeren Stabilisatoren halten 17-Zoll-Cup-Räder und innenbelüftete Vierkolben-Scheibenbremsen aus dem 911 die Kräfte im Zaum.

Audi Avant RS2 ist ein Turbo alter Schule Doch wenn die Kräfte auf freier Piste losgelassen werden, sehen BMW M3, Mercedes C 36 AMG und andere Sportler alt aus: 5,2 Sekunden für den Sprint auf 100km/h und ein Kilometer aus dem Stand unter 25 Sekunden lauten die Messwerte – da kommt gerade der neue Carrera (993) mit. Auch Elastizität und Höchstgeschwindigkeit (262km/h) sind trotz 1.650 kg Leergewicht ausgezeichnet, Traktion und Fahrsicherheit dank serienmäßigem Allradantrieb kein Thema. In der Leistungsentfaltung ist der Audi Avant RS2 jedoch ein Turbo alter Schule, wie die Ausfahrt mit einem Werksauto von 1995 zeigt. Nach dem Dreh mit dem Zündschlüssel erwacht der Vierventiler mit typischem Fünfzylinder-Grummeln, schüttelt sich im Leerlauf noch etwas grantig, um dann eher verhalten loszulegen. Selbst wenn das Gaspedal bei warmem Motor voll durchgetreten wird, kann man die Sekunden zählen, bis der volle Ladedruck aufgebaut ist. Was dann passiert, ist in seiner überfallartigen Vehemenz schon fast wieder zu viel des Guten, aber einer der Gründe, warum aus den geplanten 2.200 des Audi Avant RS2 bis Ende 1995 sogar 2.908 Exemplare werden.

Mal Feingeist, mal Bestie Auf den bei der hausinternen Quattro GmbH entwickelten Nachfolger des Audi Avant RS2, den RS4, müssen die Fans gut vier Jahre warten, bis zum aktuellen Modell (seit 2012) hebt sich Audi die Topversion stets als Höhe- und Schlusspunkt der Mittelklasse-Baureihe auf. Später gibt es auch Limousinen, Coupés (RS5) und Cabrios sowie neue Triebwerke. Nach einem V6-Biturbo mit 380PS ist die Zeit 2005 reif für einen kompakt bauenden 4,2-Liter-V8-Saugmotor mit 420PS, der 2012 auf aktuell 450PS erstarkte. Er kann im Alltag den kultivierten Feingeist spielen, bei einem Druck auf den S-Knopf jedoch wild entschlossen bis zu 8.250/min drehen und brüllen wie ein brünstiger Braunbär. Diesen Spagat zwischen Sportsgeist und Familiensinn beherrscht der RS4 von heute perfekter denn je, ohne sich mit allzu verbindlichem Komfort oder volkstümlichen Preisen anzubiedern. Und weil der Modellwechsel diesmal etwas länger auf sich warten lässt, legte Audi kürzlich die exklusive Sonderserie Nogaro Selection mit gleicher Technik, aber noch besserer Ausstattung und dem kultigen Blau des Audi Avant RS2 auf. Getreu dem Motto: Das Beste kommt zum Schluss.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2014-06-17

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