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Testbericht

6. Mai 2015


Der W140 ist die "Helmut Kohl-S-Klasse"
Er selbst sollte einen Maßstab neu definieren, diesen Anspruch auf Perfektion so verkörpern, dass er überhaupt nicht infrage zu stellen war. Er musste nicht der Beliebteste werden, aber der Beste. So stand er da. Das strahlte er aus. Wie etwas Absolutes, ein Monument, unverrückbar. Dort er - hier, mit Abstand, die anderen. In ihm fanden Größe, Masse und Machtanspruch in Kritikresistenz und Unnahbarkeit zusammen. Wie ein Symbol, das auf nichts Größeres verweisen will als auf sich selbst, wirkte der Mercedes W140 oft unverstanden, war viel geschmäht und konfrontiert mit dem Vorwurf von Arroganz.Der Mercedes W140 war die S-Klasse seiner Zeit und seiner Amtszeit als Kanzler. Beide prägten eine Ära nicht weniger als sie von ihr geprägt wurden. Vielleicht hätte es der dicke Mercedes leichter gehabt, vielleicht hätte er weniger Diskussionen um Verhältnismäßigkeit und soziale Akzeptanz ausgelöst, wäre er, wie ursprünglich geplant, schon früher auf den Markt gekommen, 1988 nämlich oder 1989.

Die Suche nach dem ultimativen Fahrkomfort
Aber er verspätete sich, weil die Ingenieure auf der "Suche nach dem ultimativen Fahrkomfort", so ein Fahrwerksspezialist zum Entwicklungsauftrag, Umwege gehen mussten. Selbst oder gerade der vom traditionsreichen Fahrzeugbauer zum größten deutschen Industrieriesen gewachsene Konzern tat sich schwer und brauchte etwas länger, das ebenso simple wie absolute Diktat des Chefs umzusetzen. "Wo wir sind, muss oben sein", hatte Werner Niefer in Kohl-ähnlich sinnfreier Manier phrasiert und mit "wir" gleichwohl nicht sich, sondern die Daimler-Benz AG gemeint. Die sollte mit der neuen S-Klasse - demMercedes W140 - nichts anderes als "das beste Auto der Welt" bauen.Mit einem Kostenrahmen von rund drei Milliarden Mark starteten die Arbeiten am Mercedes W140, als Helmut Kohl nach der im Wahlkampf so bemühten "geistig-moralischen Wende" 1982 das erste Mal ins Kanzleramt einzog. Als der eine Dicke dabei war, seine dritte Amtszeit anzutreten, stand der andere 1991 vor einer Premiere, die nicht wirklich so ausfiel wie gedacht, und auch das hatte mit einer Art geistig-moralischer und einer noch ganz anderen Wende zu tun.

"Wir hatten doch immer die besten Autos gebaut"
"Die letzten 40 Jahre war nie etwas wirklich schiefgegangen", sprach Jürgen Hubbert. "Wir hatten doch immer die besten Autos gebaut." Und während Werner Niefer bei der Genfer Vorstellung der Mercedes W140-S-Klasse verkündete, sie werde "eine Spitze des Automobilbaus neu definieren" und "den Weg für die Zukunft der Automobiltechnik weisen", gestikulierte er so euphorisiert, dass er dabei, wie der "Spiegel" festhielt, eine Wasserkaraffe vom Tisch vor sich befördert haben soll.Die Dimension der Vergleiche und die ungebremste Großspurigkeit der Rede passten zu den Dimensionen einer neuen S-Klasse, die sich, so zumindest das damalige Empfinden, ein Ressentiment, geradezu demonstrativ hoch und lang und breit machte ohne Maß und Bescheidenheit, während von denen, die sich einen Oberklasse-Mercedes ohnehin nicht hätten leisten können, Bescheidenheit und Maßhalten eingefordert wurde. Gerade wiedervereinigt, da werde man sich angesichts der historischen Tragweite dieser Umwälzung doch wohl ein bisschen Opferbereitschaft abverlangen lassen müssen, ein bisschen Solidarität und Zurückhaltung.

Ausgeburt von Ingenieurswahn?
So wurde der Mercedes W140 beim Debüt 1991 schnell zum Unzeitgemäßen erklärt, zum Repräsentanten von Wertvorstellungen und Hierarchien, die zwar alles andere als wirklich überholt und obsolet waren, wohl aber gerne so markiert wurden. Er, der 140er, wurde angesehen als der offen Unbescheidene, eine arrogante Karre, protzig, kolossal, deplatziert, so unsympathisch wie jene, die sich nicht schämten, ihn gegen eine herrschende öffentliche Meinung zu bestellen. Eine "Ausgeburt von Ingenieurswahn" hat die "taz" ihn genannt, "eine eklatante Verletzung des Gebots der Maßstäblichkeit" ein Professor an der Berliner Universität der Künste.

Unbedingte Solidität!
Die Welle moralisierender Kritik kam in der Hauptsache aus Deutschland. Und: Sie beschrieb den W140 als soziokulturelles Phänomen, sozusagen als öffentliche Person der Zeitgeschichte, nicht aber als technischen Gegenstand, als Fahrzeug, als Auto. Sie stieß sich vielmehr daran, dass Daimler selbst denMercedes W140 in erster Linie als technischen Gegenstand verstand und entwickelte. Es ging ums Image, nicht um den Wagen selbst.Kann gut sein, dass das damit zu tun hat, dass diese S-Klasse in all ihrer Unbescheidenheit dem Anspruch der Macher - das beste Auto der Welt - tatsächlich verdammt nahegekommen war, zumindest im Prinzip und zumindest dann, wenn man von den Qualitätsmängeln und Kinderkrankheiten der frühen Exemplare absieht. Die brachten Mercedes zum Serienanlauf des W140 in Rechtfertigungsnot: Das beste Auto der Welt, und dann schnarren bei hohem Tempo die Außenspiegel, oder die Antischlupfregelung schaltet ohne Grund auf Notbetrieb?

Einmalige physische Präsenz des Mercedes W140
Doch schiebt sich die physische Präsenz einesMercedes W140 heute eindrücklich vor jede Erinnerung, die seinem Nimbus etwas anhaben könnte. Dieser schwarze hier aus dem Angebot von Kienle Automobiltechnik ist ein modellgepflegter S600, Erstzulassung im Mai 1994. Seine Ausstrahlung ist auch nach mehr als fünf Erdumrundungen die eines Unantastbaren.Das erste Mal W140 hat etwas von einem Initiationsritus. Schon wenn die Tür schwer, präzise und mit trockenem Schlag ins Schloss fällt, um dann wie stets im 600er den letzten Millimeter automatisch zugezogen zu werden, verändert sich der Blick auf die Welt. Es gibt dann ein "da draußen" und ein "hier drin", und dazwischen steht er, dieser Mercedes, wie eine Burg, wie eine Festung. In dieser ersten Sekunde überfällt einen das unmittelbare Erleben von Solidität und Souveränität. Es ist, als ließe sich mit diesem Ding gegen eine massive Hauswand fahren, das Haus bricht zusammen, derMercedes W140 federt über die Trümmer hinweg. Am Steuer ist davon nicht mal was zu merken.

Einmal drin - und dann nur noch ein entferntes Rauschen
War was?, fragt man sich, und beinahe ist selbst diese stumme Frage zu hören, weil ja auch der Wagen kaum lauter ist, das Laufgeräusch des Zwölfzylinders ein entferntes Rauschen, stille, seidige Gleichmäßigkeit. DerMercedes W140 braucht den Zwölfzylinder nicht unbedingt. Aber prinzipiell passt er am besten zu ihm, weil auch er das technisch Machbare verkörpert, den Superlativ.Die Reifen sind zu hören, der Fahrtwind mischt sich in die Geräuschkulisse, die Lüftung im Sommer, die Heizung im Winter, sie alle sind lauter als der V12 des Mercedes W140, der auch dann die Contenance nicht verliert, wenn ihm Leistung abverlangt wird. Er bewegt den Zweitonner so mühelos, wie man sich selbst von ihm bewegen lässt.

So viel kostet ein Mercedes W140
Wenn es das Topmodell mit dem 6-Liter-V12 sein soll, sind rund 10.000 Euro für ein Zustand-2-Auto zu bezahlen. Doch schon ab 3.500 Euro gibt es alltagstaugliche Exemplare im mäßigen Zustand. Eins darf allerdings nicht vergessen werden: Die Unterhalts-, Reparatur- und Wartungskosten liegen immer noch auf Oberklasse-Niveau. Gibt es mit der Elektrik oder Elektronik Probleme, werden schnell vierstellige Beträge fällig. Die Sechs- und Achtzylinder sind deutlich günstiger, die Diesel spielen fast keine Rolle auf dem Markt, sind aber durchaus auch empfehlenswerte Antriebe. Hohe Laufleistung sind bei günstigen Angeboten die Regel, müssen aber bei guter Pflege kein Ausschlusskriterium sein. So kann man schon ab rund 2.000 Euro mit etwas Suche und gutem Verhandlungsgeschick ein scheckgepflegten W140 ergattern.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-05-06

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