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Testbericht

4. September 2015
Jetzt also doch. Oder andersherum: Warum eigentlich erst jetzt? Nichts ist naheliegender, als Porsche Cayman GT4 und Lotus Exige S einem direkten Vergleich zu unterziehen. Das haben wir auch wiederholt versucht, aber weder der Cayman S noch sein Bruder GTS durften bisher zum Kräftemessen antreten – das Leistungsgewicht war angeblich schuld. In unsere Sprache übersetzt: Zu groß war in Zuffenhausen der Respekt vor der Exige S – doch jetzt soll es der Cayman GT4 im Kampf um die Coupé-Krone richten.

Porsche ziert sich bei der Testwagenvergabe
Warum erst jetzt? Die Hersteller kennen unsere Test- und Bewertungskriterien und fahren sie auch im Detail nach. Sie können sich vorher also halbwegs ausrechnen, wie sie hinterher abschneiden. Und so kann es passieren, dass wir für wünschenswerte Tests das gewünschte Testfahrzeug nicht erhalten.Die Durchführung von Vergleichstests hängt bei sportauto – ebenso wie bei allen anderen Automagazinen – an der Gestellung von Testwagen. Unerfahrene mögen einwenden: Dann nehmt doch einfach ein Kundenfahrzeug! Doch Kundenfahrzeuge sind keine Lösung. Eigner italienischer Preziosen müssen sich beispielsweise vertraglich verpflichten, ihr Eigentum nicht an Testredaktionen weiterzugeben. Und der beträchtliche Materialverschleiß bei einem Test wäre privaten Eigentümern so oder so nicht zuzumuten.Bliebe noch Lösung Nummer zwei: Der Kauf eines Testwagens. Zum Kaufen fehlt uns das Geld. Wir testen ja nicht wie die Stiftung Warentest Sonnenöle für 3,90 Euro. Wir testen jeden Monat Fahrzeuge im Wert von mehreren Hunderttausend Euro – die können wir nicht auf Redaktionskosten kaufen. Auf der aktuellen Rechnung würden im konkreten Fall mindestens 85.776 Euro für den Porsche Cayman GT4 und mindestens 67.940 Euro für die Lotus Exige S stehen. Im Vergleich zu anderen Mittelmotorhelden sind das jedoch zwei echte Schnäppchen.

Motor-Kampf: Porsche gegen Toyota
Motorseitig kämpft bei diesem Duell eigentlich Porsche gegen Toyota. Während sie in der GT-Abteilung in Weissach dem Porsche Cayman GT4 endlich das 3,8-Liter-Boxerherz aus dem 911 Carrera S implantiert haben, arbeitet im Lotus Exige S nach wie vor ein V6-Kompressor von Motorenpartner Toyota. Doch anders als in Camry und Co. faucht der japanische 3,5-Liter mit 350PS hier emotional durch seine Klappenabgasanlage.Akustisch muss sich das Kompressor-Triebwerk zwar nicht verstecken, aber diesmal geht es gegen das wohl schönste Sägewerk im Sportwagenbau. Auch wenn der Porsche Cayman GT4, im Vergleich zum 911-Triebwerk, 15PS in der Ansauganlage und durch den längeren Auspuff verliert, boxert der 385-PS-Sauger mit serienmäßiger Klappenabgasanlage nicht nur feurig, sondern reagiert auch zackiger auf Gaspedalbefehle als das keinesfalls träge Exige-Triebwerk.Deutsch-britische Einigkeit herrscht bei der Getriebewahl. Sowohl der Lotus Exige S als auch der Porsche Cayman GT4, treten mit manuellem Schaltgetriebe an. Knackig-kurze Schaltwege und eine akkurate Gassenführung – in puncto Präzision hat der Porsche Cayman GT4 die Nase klar vorne. Wer auch noch auf punktgenaue Zwischengasstöße steht, in der Spitze-Hacke-Technik aber nicht ganz so firm ist, findet im Extrem-Cayman sowieso seinen Meister. Per Knopfdruck auf die Sport-Taste wird die automatische Zwischengasfunktion aktiviert.

Herrlich, wie früher: Handschalter
Im Vergleich zum Porsche-Getriebe hakelt sich der Exige-S-Schaltstock immer noch etwas ungelenk durch die Schaltwege, für Lotus-Verhältnisse funktioniert dieser Testwagen jedoch erstaunlich gut. Beim Thema Getriebe will Lotus endlich auch grundlegend etwas verbessern. Ab Modelljahr 2016 soll ein noch präziser funktionierendes Handschaltgetriebe zum Einsatz kommen, das wir bei unserem letzten Werksbesuch in Hethel bereits ausprobieren konnten. Anders als der Porsche Cayman GT4, den es nicht mit dem Doppelkupplungsgetriebe PDK gibt, kann das britische Coupé Lotus Exige S übrigens auch mit automatisiertem Sechsganggetriebe geordert werden. Doch während das metallische Klacken der manuellen Schaltvorgänge immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wird einmal mehr klar: Einen Lotus kauft man nur als Handschalter!Auf zur längsdynamischen Kraftprobe: Der Lotus Exige S hilft dabei das optionale Race Pack, das neben dem Lotus Dynamic Performance Management (DPM) mit den vier Fahrprogrammen Touring, Sport, Race und Off auch eine sehr gut funktionierende Launch Control beinhaltet. Bei der Beschleunigungs- sowie der Elastizitätsmessung spielt der Lotus sein um 0,3 kg/PS besseres Leistungsgewicht aus und hält den Porsche Cayman GT4 knapp hinter sich.Satte 215 Kilo wiegt der britische Purist weniger als der Mittelmotor-Schwabe. Im GT4-Lastenheft stand, dass der Cayman trotz 3,8-Liter-Motor, größerer Bremsen und des an der Vorderachse weitgehend aus dem 911 GT3 übernommenen Fahrwerks nicht mehr als ein Cayman GTS mit 325PS wiegen soll. Das ist gelungen, doch gerade in Sachen Gewicht kann der Porsche Cayman GT4 noch etwas vom Lotus Exige S lernen.Oder anders: Bitte baut doch noch eine richtig leer geräumte GT4-RS-Version. Vorschlag: Sämtliche Teppiche im Interieur rausrupfen (lackiertes Blech ist auch sexy), Handschuhfach ebenfalls entfernen (wie beim 996 RS), dazu rudimentäre Türverkleidungen (wie beim 964 RS), Makrolonscheiben und verschiedene Carbonteile installieren – unser Wunschgewicht: Nicht mehr als 1.250 Kilo.

Rennsport-Feeling im Lotus Exige S
Aktuell versprüht das GT4-Interieur, trotz fantastischer Carbon-Schalensitze, immer noch ein recht komfortables Ambiente. Wer es puristischer mag, muss sich in die tiefen Schalensitze (Motto: Mehr Schale als Sitz) des Lotus Exige S fallen lassen. Wenn dann noch die Tür blechern ins Schloss fällt und der Blick die blanken Aluteile des Chassis streift, kommt schon im Alltag Rennsport-Feeling auf. Knistern, Knarzen, Klappern – dabei müssen Exige-Piloten aber auch etwas mehr Kompromissbereitschaft in puncto Verarbeitungsqualität und Nebengeräusche mitbringen als GT4-Fahrer.Und was können sie bei Lotus von Porsche noch lernen? Wie man ein Fahrwerk richtig abstimmt! Wie schon im Supertest (sportauto 5/2015) lenkt der Porsche Cayman GT4 präzise ein, glänzt unter Last mit beeindruckender Traktion und verkneift sich überflüssiges Lastwechselgehampel fast vollständig.Mit einer Rundenzeit von 1.10,4 Minuten auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim bleibt er allerdings drei Zehntelsekunden hinter dem Bestwert des Supertest-GT4. Der aktuelle Testwagen ging gut, aber das Supertest-Modell ging besser. Den subjektiven Eindruck bestätigt ein Abgleich der Elastizitätswerte der beiden GT4-Testexemplare.

In Hockenheim klar vorne: GT4
Trotzdem muss sich der Porsche Cayman GT4 heute keine Sorgen machen, dass plötzlich die Lotus Exige S formatfüllend in seinem Rückspiegel auftaucht. Mit 1.11,6 Minuten bleibt der Mittelmotor- Brite auf dem Kleinen Kurs fahrdynamisch klar hinter dem Muskel-Cayman zurück, obwohl der Ersteindruck des Lotus überrascht: Dank 215 Kilo Gewichtsvorteil bewegt sich die Lotus Exige S auf den ersten Rennstreckenmetern etwas leichtfüßiger als der Porsche Cayman GT4.Mit optionaler Pirelli-P-Zero-Trofeo-Bereifung lenkt der Brite zunächst direkt ein. Die servofreie Lotus-Lenkung und die elektromechanische GT4-Servolenkung trennen dabei Lichtjahre. Im Vergleich wirkt die Porsche-Lenkung fast komfortabel, obwohl ihre Lenkkräfte schon deutlich straffer als in den S- und GTS-Modellen des Cayman ausfallen.Doch erst im Lotus weiß man wirklich, was Lenkkräfte bedeuten – straff, straffer, Lotus Exige S. Um die Mittellage reagiert die Lenkung noch zackiger als das Porsche-Pendant. Zur grundehrlichen Lotus-Abstimmung gehören allerdings auch eine verstärkte Stößigkeit beim Überfahren von Curbs und die im Grenzbereich teilweise verhärtende Lenkung. Egal, insgesamt fühlt sich die Lotus-Steuerung mehr nach Rennwagen als nach Straßensportler an.Eine direkte Lenkung hilft der Lotus Exige S aber nichts, wenn sie sich nach dem ersten zweifelsohne präzisen Einlenkimpuls überlegt, unter Last ins Untersteuern zu verfallen. Obwohl das Sportfahrwerk mit Race Pack nochmals 15 Prozent straffer sein soll, könnte zudem die Feder-Dämpfer-Abstimmung härter sein. Der Brite fällt durch stärkere Karosseriebewegungen als der Porsche Cayman GT4 auf. Die Lotus-Achsgeometrie (hinten deutlich mehr Negativsturz als vorne) verrät, dass die Fahrwerksabstimmung sicher und eher untersteuernd ausgelegt wurde.Mit aktiviertem Race-Mode sollen verschiedene Systeme ("Corner Brake Control", "Electronic Differential Lock", "Traction Control") zusammen wie eine elektronische Sperrfunktion arbeiten. Das System wurde jedoch nur auf die Corsa-Standardreifen adaptiert. Mit den griffigeren Trofeo-Pneus regelt das System beim Herausbeschleunigen aus den engen Ecken spürbar die Leistung weg.Mit komplett deaktivierten Fahrhilfen absolviert die Lotus Exige S den Kleinen Kurs auf jeden Fall schneller. Die Traktion ist gut, könnte aber mit einer mechanischen Sperre unter Last sicherlich noch besser sein. Möglicherweise schlägt Lotus beim Exige-Facelift diesen Weg ein. Im neuen Evora 400 kommt erstmals ein Quaife-Sperrdifferenzial zum Einsatz.

Bessere Bremsen und Sieg für Lotus
Und wie sieht es auf der Bremse aus? Die Kombination aus hohem Gripniveau der Pirelli-Trofeo-Bereifung, der bissigen Verzögerung der AP-Racing-Bremsanlage sowie der gelungenen Abstimmung des Bosch-ABS beschert der Lotus Exige S sowohl auf der Rennstrecke als auch bei der Standardbremsmessung bessere Verzögerungswerte als dem Porsche.Mit 32,6 Metern stoppt der Brite aus 100km/h beeindruckende 1,2 Meter früher als der Porsche Cayman GT4, der seine Bremsleistung aus dem Supertest (32,9 m) diesmal nicht bestätigen konnte.Nach der Klatsche auf der Hockenheim-Runde kämpft sich die Lotus Exige S dann doch noch engagiert ins Mittelmotor-Duell zurück. Zwei Punkte gewinnt sie auf der Bremse und schnappt sich jeweils ein Pünktchen für das bessere Leistungsgewicht, die bessere Beschleunigung sowie die Preiswertung. Wenn das nicht mal Überraschung und Motivation zugleich ist – Testsieg für Lotus und Motivation für Porsche, mit Hochdruck an einem noch aggressiveren GT4 RS zu werkeln.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-09-04

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