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Testbericht

15. Januar 2016
Jetzt wären wir an dieser Stelle gerne einmal päpstlicher als der Papst, dabei ist gerade der aktuelle Kirchenhirte alles andere als engstirnig. Nun gut, dann stellen wir eben ein gänzlich unpäpstliches Dogma auf: Die echtesten aller echten Sportwagen haben zwei Sitze und Mittelmotor. Ohne Wenn und Aber. Die meisten dieser wahren Auto-Kerle kommen traditionell aus Italien, und hier gibt es erstaunlich unterschiedliche Spielarten. Etwa den Lamborghini Aventador LP 750-4 SV als Vertreter der aussterbenden Art der V12-Machos. Und den Alfa Romeo 4C als vierzylindrigen Wadenbeißer.

Lamborghini Aventador SV und Alfa Romeo 4C eint das Konzept
Sind deren Unterschiede beim Betrachten scheinbar riesig - der eine ein Bär von einem Supersportler, der andere praktisch eine Matchbox-Version -, so eint ihre Karosserien das gleiche Fortschrittskonzept: Beide bauen auf ein Monocoque aus Kohlefaser auf, jenem Kunststoff, der durch die Formel 1 berühmt wurde und bei der Verarbeitung so aufwendig wie teuer ist. Dass die Luxusmarke Lamborghini den elitären Werkstoff beim Topmodell verwendet, wundert deshalb kaum.Dass Alfa Romeo ebenso kohlefaserverstärkten Kunststoff einsetzt (das Monocoque wird von Adler Plastic zugeliefert), ist dagegen schon eher bemerkenswert. Schließlich soll die Kalkulation des 4C noch einigermaßen auf dem Teppich bleiben. Trotz kräftiger Preiserhöhung ist sie das verglichen mit dem Lamborghini auch: Allein von der Mehrwertsteuer, die für den Aventador SV fällig wird, könnte man ein 4C Coupé kaufen. SV steht für Superveloce, auf gut Deutsch also sauschnell, und so sieht er auch aus. Sein Prototyp könnte mit dem Beil aus einem Holzstamm geschlagen worden sein, so konsequent brutal verhöhnt die Linienführung des keilförmigen Zweisitzers jedes Harmonie-Empfinden. Und noch immer sieht man ihm den Urvater aller Lamborghini-Supersportler, den Countach, an. Analogien zu Kampfflugzeugen und Tarnkappenbombern sind gewollt und Teil des martialischen Konzepts. So etwas traut sich heute nur noch die Audi-Tochter zu bauen und bezieht damit erfolgreich Position in der Branche.

Die reine Lehre: V12 Sauger mit 750PS
Der Lamborghini Aventador LP750-4 ist die Kernthese der Marke, und der grobschlächtige Auftritt bleibt kein leeres Versprechen. 750PS leistet sein längs hinter dem Fahrer eingebauter Zwölfzylinder und schickt die Gewalt an alle vier Räder. Natürlich handelt es sich um einen reinen Sauger, denn Lamborghini beweist Rückgrat und fühlt sich nur der reinen Lehre verpflichtet - CO2-Diskussion hin oder her. Der V12 schöpft seine Kraft allein aus dem Hubraum von 6,5 Litern sowie aus Drehzahlen bis 8.500/min.Wir stöbern durchs Bologneser Hinterland, durch den norditalienischen Apennin-Ausläufer, der auch an Maranello entlangschrammt und für seine Streckenführung legendär ist. Anders als das in vielen Geschichten glorifizierte Ferrari-Terrain ist der Teil südlich von Bologna aber noch ein Geheimtipp, im Herbst hat man die Gegend für sich. Mit dem Aventador ist das auch gut so, denn er ergießt sich praktisch über eine ganze Straßenseite, so breit, wie er ist. Gegenverkehr bringt einen da schnell ins Schwitzen. Er taucht zum Glück selten auf und sieht zunächst einen flundrigen Boliden, der kraftstrotzend um die Kurve walzt.

Alfa Romeo 4C gibt den reinrassigen Sportwagen
Und der etwas Kleines im Schlepptau führt. Autos wie den Alfa Romeo 4C bezeichnet man gerne als Flitzer, was angesichts ihrer geringen Größe naheliegt, aber am Charakter des Alfa Romeo hart vorbeischrammt. Der bezieht sich bekanntlich nicht auf Äußerlichkeiten. Und in seinem Inneren ist der 4C ein so ernsthafter Sportwagen, dass die Bezeichnung Flitzer eine echte Beleidigung wäre. Sein Innenraum bietet fast schon rennsportartige Kargheit, spart an Ausstattung wie an Dämmmaterial. Letzteres gilt übrigens genauso für den Sportauspuff; der krakeelt, dass seine Schallwellen sogar das Formel-1-artige Heulen des Lamborghini-V12 wegspülen.Der Alfa klingt verdächtig nach den seligen Gruppe-A-Rallyecars, röhrt, sprotzelt und grölt beim Ausdrehen der Gänge so laut, dass man ihn bis hinunter ins Tal hört. Gut, dass sich die Exekutive in Italien meist sehr autoaffin zeigt. Der Alfa Romeo 4C lärmt aber nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Eindrucksvoller als das Brüllen des Vierzylinders ist hier jedoch das Fauchen des Turboladers, untermalt vom Prasseln der Steinchen gegen die Radhäuser sowie vom Rauschen des körnigen Asphalts. Es kündet von der direkten Anbindung des Fahrwerks ans Chassis; da haben die Konstrukteure wohl nur wenige elastische Elemente eingeplant, die Schall schlucken könnten. Aus gutem Grund übrigens, denn die würden schließlich zulasten der Direktheit gehen.

Adaptives Lambo-Fahrwerk sorgt für völlig neues Fahrgefühl
Dass es keine Stoßdämpfer mit verstellbaren Kennlinien gibt, liegt hingegen eher an der Kalkulation - der Alfa ist zwar alles andere als billig, aber immer noch vergleichsweise günstig. Aus welchen Gründen Lamborghini dem normalen Aventador das Adaptivfahrwerk vorenthält, ist nicht klar. Der SV jedenfalls hat es nun, und er fühlt sich damit wie ein völlig anderes Fahrzeug an. Gerne unterstellen Ewiggestrige an dieser Stelle Weichheit, doch sie könnten mit ihrer Meinung kaum falscher liegen: Erst nachgiebige Stoßdämpfer machen einen Sportwagen auf schlechten Straßen schnell. Und der Asphalt ist im Apennin nicht gerade blitzblank poliert.Mehr noch als die 50 Kilogramm Gewichtsverlust - weniger Dämmung, Kohlefaser-Interieur, Aluplatten als Fußmatten, Infotainment nur auf ausdrücklichen Wunsch - macht das Fahrwerk den SV zu etwas Besonderem: Statt über Bodenwellen zu bocken, pfeilt der Bolide unbeirrt vor sich hin, lässt sich mit der neuen, variabel übersetzten Lenkung problemlos in der Spur halten. Eher schon sind es die 750PS, die für Schweißausbrüche sorgen können, und natürlich die unverblümte Art, wie der 6,5-Liter-Sauger zuschlägt - cholerisch und absolut. In Turbo-Zeiten ist man ein so explosives Ansprechverhalten kaum mehr gewohnt. Die Newtonmeter überrumpeln Fahrer und Fahrzeug geradezu, schleudern den Lamborghini Aventador LP-750-4- SV in die Anbremszone der nächsten Kurve. Es herrscht schiere Gewalt, als ließen sich 1,8 Tonnen einfach so wegbeschleunigen.

Alfa Romeo 4C mit Motor aus der Großserie
Der Alfa-Motor aus der Großserie ist dagegen eher brav. Vor der Hinterachse sitzt quer eingebaut der 1,8-Liter- Vierzylinder-Turbo aus der Giulietta, der es im Mittelmotor-Sportler ebenso auf 240PS bringt. Auf Paddelzug wechselt das Doppelkupplungsgetriebe des 4C die sechs Gänge im Wimpernschlagtempo durch. Das ist aber nicht halb so eindrucksvoll wie im Lamborghini Aventador, dessen automatisiertes Schaltgetriebe im schärfsten Modus die Gänge so hart reinknallt, dass einem fast schon schwummrig wird. Nein, im Alfa Romeo geht alles etwas gesitteter zu - schon deshalb, weil das Triebwerk aufgeladen ist. Zunächst, auf der Geraden, fällt das Turboloch beim Schalten nicht auf, weil man beim Doppelkuppler auf dem Gas bleiben kann und der Ladedruck kaum abfällt. Doch beim Herausbeschleunigen aus Kurven muss sich der Vierzylinder sammeln und die Nüstern aufblasen - erst dann schiebt er euphorisch an. Natürlich ist der Schub nicht zu vergleichen mit dem Berserker-Punch des Aventador. Der Ausgang eines Bergrennens auf den winkeligen Passstraßen wäre dennoch offen: Kraft seiner urgewaltigen 750PS würde sich der Superveloce auf den kurzen Geraden nach vorne wuchten, müsste aber in den engen Passagen deutlich Tempo herausnehmen. Genau hier könnte der Alfa Romeo 4C sein Leistungsmanko wettmachen, aufschließen und dem Lamborghini Aventador LP750-4 SV in die Wade beißen. Fast spielerisch lässt sich der 4C in die Ecken werfen, stützt sich an einer imaginären Bande ab, ist agil, aber nicht nervös - und damit leicht beherrschbar. Ihn aus dem Stegreif an der Grenze entlangzuführen, fällt deutlich leichter als im Lamborghini. Der erfordert schon deshalb mehr Aufmerksamkeit, weil die Kurven bei Vollgas praktisch auf einen hereinstürzen. Wie ein Duell am Berg ausgehen würde, ist also nicht sicher, eines aber schon: Beide Fahrer würden abgekämpft und voller Adrenalin im Ziel landen - der eine noch im Kurvenrausch, der andere von der schieren Gewalt schlicht überwältigt.
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Testwertung
5.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-01-15

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