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Testbericht

Jürgen Wolff, 17. Juni 2019

Citroën feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag - und hat aus diesem Anlass noch einmal Kultkisten wie den 2 CV aus dem Museum auf die Straße geholt.

Nicht immer passen verklärende Erinnerung und Realität zusammen. Irgendwie steckt tief im Langzeitgedächtnis das Bild an ferne Schul- und Studienzeiten und an eine flotte Ente, mit der man in tiefem Neigungswinkel um die Kurven jagte. Die einen klaglos durch die Gegend schaukelte und den persönlichen Bewegungsradius ganz erheblich über die Grenzen ausdehnte, die zuvor das Fahrrad vorgegeben hatte. Die Ente, der Citroën 2 CV, der Döschewo ist das Knuddeltier unter den Ikonen der Automobilgeschichte.

Und gar nicht mehr so knuddelig, wenn man sich gut 40 Jahre später noch einmal hinein presst und ein paar Runden dreht. Mit respektablem Übergewicht gesegnet, fangen die Schwierigkeiten schon beim Einsteigen an. Ziemlich eng das Entchen. Die mit Segeltuch bespannten und an Campingklappstühle erinnernden Vordersitze lassen sich nun mal weder nach hinten schieben, noch sonst wie komfortabler einstellen.

Das Lenkrad, groß wie ein Wagenrad, nur dünner, schleift über Oberschenkel und Bauchansatz. Der mit zwei profanen aber scharfkantigen Schrauben an der Lenksäule fest gemachte Hebel für die Blinker reißt einen sauberen Winkel in die Jeans. Zwar hatte der damalige Citroën -Chef Pierre-Jules Boulanger 1934 von seinen Konstrukteuren ein Auto verlangt, das \"Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet\". Aber die Bauern jener Jahre hatten eher die wuselige Statur des später wohl berühmtesten Ente-Fahrers Louis de Funes denn die eines wohlgenährten Motorjournalisten.

Und auch das Fahren selbst ist nicht mehr ganz so lustig, wie es die Erinnerung vorgaukelt. Sondern mit viel Arbeit verbunden. Dass die Lenkung keine Servo-Unterstützung hat, war klar. Aber dass es so mühsam sein würde, in engen Kurven nicht bis zum Bordstein hinausgetragen zu werden, dann doch nicht. Lenken heißt kurbeln. Da ist hilfreich, dass die Ente mit ihrem 425 ccm-Zweizylinder eher gemächlich unterwegs ist. Besetzt mit drei Passagieren bleiben von insgesamt 12 PS Leistung nun mal nur 4 PS pro Person. Angeblich sind 80 km/h drin - mit entsprechend langem Anlauf.

Die Revolverschaltung mit dem dicken Knauf hat sich offensichtlich tief in die Erinnerung gegraben: Der Umgang mit ihr klappt auf Anhieb erstaunlich gut. Nur daran, dass der erste Gang, der unterhalb des Rückwärtsganges liegt, nicht synchronisiert ist, gemahnt beim Rückschalten schnell ein hässlich unharmonisch klingendes Protestgeknirsche. Und daran, dass man im dritten Gang so gut wie keine Anhöhe packt, wird man auch schnell wieder erinnert. Das Motörchen ist laut, krakelend und verzeiht nur ungern Fehler beim Schalten. Enten schnattern nun mal gerne.

Ein Genuss ist nach wie vor die Federung. Die Seitenneigung ist legendär. Und nach wie vor wundert man sich, dass die immerhin 1,60 Meter hohe Wackelkiste so gut wie nie umgekippt ist. Die nur 560 kg leichte Karosserie und der dank tief liegendem Boxermotor und Tank günstige Schwerpunkt verhinderten das. Noch heute bügelt die Federung dank üppiger Federwege schlechte Fahrbahnen mit Schwung weg. Ein Nebeneffekt: Die gute Geländegängigkeit der Ente. Auch das gehörte zu den Vorgaben: Das Auto sollte so gefedert sein, dass man einen Korb mit rohen Eiern unbeschadet über einen Acker fahren konnte.

5.114.969 Stück der \"fahrbaren Geistesverwirrung\", wie sie einst der französische Dichter Boris Vian nannte, sind seit 1949 laut offizieller Zählung gebaut worden. Zum Teil mussten Käufer bis zu sechs Jahre auf sie warten. In Frankreich selbst war 1988 Schluss mit der Produktion, im portugiesischen Mangualde dann Ende Juli 1990.

Aber immer noch repräsentiert sie ein Lebensgefühl, zu dem auch Gauloises gehören, Baguette und eine Flasche Rotwein. Ein Auto für Existenzialisten - kein Wunder, dass auch Samuel Becket, Autor von \"Warten auf Godot\" zu ihren Fans gehörte. Oder eben Louis de Funes. Und selbst Roger Moore, der sich als James Bond in dem Film \"In tödlicher Mission\" in einer gelben Ente eine Verfolgungsjagd lieferte.

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Quelle: Autoplenum, 2019-06-17

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