Unsere Partnerseiten: 12gebrauchtwagen.de12neuwagen.de
Testbericht

Stefan Grundhoff, 11. November 2008
Die neue E-Klasse steht in den Startlöchern. Derzeit laufen die letzten Testfahrten und im März können sich die Kunden auf einen Nachfolger des W 211 freuen. Die Geschichte der Mercedes E-Klasse begann Mitte der 50er Jahre – mit dem Ponton-Benz.

Die E-Klasse ist seit je her das Kernmodell und neben der übermächtigen S-Klasse das Aushängeschild der Marke Mercedes-Benz. Bei der Vorstellung der nun auslaufenden E-Klasse versprachen die MB-Verantwortlichen vollmundig „die neue Mercedes E-Klasse kann alles, was wir auch können." Unwahrscheinlich, dass die Strategen bei der Vorstellung der ersten Mercedes-Mittelklasse-Limousine im Jahre 1954 ähnliche Werbesprüche von sich gegeben haben. Doch das, was die E-Klasse über Jahrzehnte auszeichnete, hat ihren Ursprung im Ponton-Mercedes. Als die Bundesrepublik langsam wieder auf die Beine kam und das Wirtschaftswunder zu einem eben solchen wurde, verlangte Deutschland nach einer großzügigen Mittelklasselimousine.

Man war schließlich wieder wer und gerade die finanziell besser gestellten suchten einen geeigneten fahrbaren Untersatz ohne den angestaubten Arbeitercharme, den Marken wie Opel, Ford oder NSU durchweg verströmten. Wer etwas war, der fuhr in der Nachkriegszeit einen Mercedes – und ab 1954 gerne den 220er. Die viertürige Limousine der Baureihe W 180 war alles andere als luxuriös, aber für die meisten im langsam wieder auf die Beine kommenden Deutschland schlicht unerreichbar.

Die hausbackene Werbung zeigte auf großen Plakaten einen elegant gekleideten Vater mit chicen Hut am Ponton-Steuer. Rechts daneben die nicht weniger gut betuchte Ehefrau und im Fond der strahlende Nachwuchs. Der 2,2 Liter große Sechszylinder des Topmodells leistete seinerzeit mehr als beachtliche 63 kW / 85 PS und ein maximales Drehmoment von 160 Nm. Nach heutigen Maßstäben für eine Limousine der oberen Mittelklasse mit einer Länge von 4,71 Metern kaum ausreichend; damals sponn der Verkaufsprospekt von der Wendigkeit eines Sportwagens. Erstmals in der deutschen Automobilgeschichte war ein Volumenmodell derart aufwendig entwickelt worden. Die bis dato mit Mercedes untrennbar verbundene Eleganz war dagegen nicht die Sache des ersten E-Klasse-Vorläufers. Die bogenförmige Dachkonstruktion wirkte alles andere als filigran und auch die in die Karosserie eingelassenen Kotflügel nahmen dem Mittelklassemodell jene unvergleichliche Linienführung, mit der Mercedes bis dato auf Kundenfang ging.

Das voluminöse Dach, das dem 220er die Bezeichnung „Ponton“ (Schwimmkörper) einbrachte, sorgte zusammen mit dem 2,82 Meter langen Radstand im Innenraum für luxuriöse Platzverhältnisse. Der 220 war der erste Benz mit selbsttragender Karosserie. Im Vergleich zu vielen anderen Fahrzeugen aus dieser Zeit gab es jedoch nicht nur üppige Platzverhältnisse für fünf oder sechs Personen inklusiv Gepäck, eine ordentliche Belüftung / Heizung, sowie ein aufgeräumtes Holz-Armaturenbrett mit Bedienelementen für Scheibenwischer, Heizung, Licht, Starter und Uhr. Die heute üblichen Lenkstockhebel für Scheibenwischer oder Blinker sucht man beim Erstkontakt vergebens. Der Scheibenwischer wird über einen Zugschalter vor der Windschutzscheibe bedient; der Blinker befindet sich wie bei vielen Autos in den 50er Jahren im Lenkradkranz. Der Innenraum des Ponton setzte in seiner Zeit Maßstäbe. Armlehnen, Kartentaschen, Innenleuchten, Sonnenblenden, Haltestangen und Kleiderhaken – so etwas gab es sonst nur in amerikanischen Luxuslimousinen. Luxus in der Mittelklasse – damit klopfte die erste E-Klasse seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an die Tür zur Luxusliga und der allgegenwärtigen S-Klasse.

Nachdem zunächst der 180er vorgestellt worden war, folgte im Jahre 1956 der 190er, der trotz nur geringfügiger Modifikationen leicht oberhalb vom W 180 abgesiedelt worden war. Wichtiger waren die Unterschiede hinter dem opulenten Kühlergrill. Musste sich der 180er bis 1957 mit dem recht schmächtigen 52-PS-Triebwerk aus dem Vorkriegsmotor des 170ers begnügen, so wurde der 190er von einem 55 kW / 75 PS starken Sechszylinder angetrieben, der Geschwindigkeiten bis 140 km/h ermöglichte. Der 220er legte als Topversion nochmals zehn PS drauf und schaffte rund 150 km/h Spitze. Ein den 50er und 60er Jahren galt der Ponton als Maßstab in Sachen Fahrverhalten, Technik und Qualität. Gerade deshalb erfreute sich der bauchige Benz bei Taxlern zwischen Berlin und Stuttgart über Jahrzehnte einer großen Beliebtheit.

Schließlich gab es ihn auch mit einem nahezu unverwüstlichen Dieselmotor. Ein Automatikgetriebe hielt jedoch erst bei dem größeren Bruder der Baureihe W 186 / W 189, besser bekannt aus Adenauer-Benz, Einzug. Dass ein 180er es trotz seiner Nehmerqualitäten auch sportlich konnte, zeigte seine Plattform auf der unter anderem auch der Sportroadster 190 SL aufbaute.

Wer noch heute am Steuer eines Mercedes 220a aus den späten 50er Jahren sitzt, wird den technischen Fortschritt deutlich spüren. Das Fahrverhalten ist ungewohnt souverän und die Langstreckenqualitäten durch den erstmals eingeführten Fahrschemel, in dem Motor, Getriebe, Lenkung und Vorderachse untergebracht sind, nach damaligen Maßstäben unübertroffen. Nicht nur Taxifahrer freuten sich über die üppigen Platzverhältnisse, die große Kopffreiheit und den großzügigen Kofferraum. Wer die schwergängige und nicht servounterstützte Lenkung voll einschlägt, dreht den 220 auf elf Metern. Im heutigen Straßenverkehr sieht man den Ponton nur noch überaus selten. Der Zahn der Zeit ging an den meisten Modellen nicht spurlos vorüber. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt gibt es es jedoch nach wie vor ein nennenswertes Angebot. Fahrzeuge im Originalzustand sind Mangelware; doch wer sich mit einem ordentlich restaurierten Modell im Zustand zwei bis drei arrangieren kann, findet zwischen 9.000 und 18.000 Euro seinen durchweg alltagstauglichen Traumwagen, den „großen Ponton-Mercedes“ – vielleicht sogar mit Ledersitzen und großem Rolldach.

Quelle: Autoplenum, 2008-11-11

Getestete Modelle
Für diesen Testbericht sind keine passenden Modelle vorhanden.
Ähnliche Testberichte
Autoplenum

Autoplenum, 2020-03-13

30 Jahre Mercedes 190 E 2.5-16 Evolution II - Schluss mit...30 Jahre Mercedes 190 E 2.5-16 Evolution II - Schluss mit Spießer-I...
Schluss mit Spießer-Image 30 Jahre Mercedes 190 E 2.5-16 Evolution II Ganzen Testbericht lesen
Autoplenum

Autoplenum, 2020-01-22

Prototyp: Mercedes E-Klasse Facelift - Mehr High-Tech in ...Prototyp: Mercedes E-Klasse Facelift - Mehr High-Tech in der Busine...
Mehr High-Tech in der Businessklasse Prototyp: Mercedes E-Klasse Facelift Ganzen Testbericht lesen
Autoplenum

Autoplenum, 2020-01-22

Modellpflege Mercedes E-Klasse - Große ZieleModellpflege Mercedes E-Klasse - Große Ziele
Alle warten auf die neue Mercedes S-Klasse und den elektrischen Ableger EQS. Doch während sich die S-Klasse weiter ve...Ganzen Testbericht lesen
Autoplenum
4.5 von 5

Autoplenum, 2020-01-09

Mercedes GLE Coupé 350 de - HärtetestMercedes GLE Coupé 350 de - Härtetest
Mercedes packt das Hybridmodul der E-Klasse-Limousine in sein GLE Coupé. Auf dem Papier überzeugt die rein elektrisch...Ganzen Testbericht lesen
Autoplenum

Autoplenum, 2020-01-08

Neue Elektro-SUV auf der CES - Fast zum SchnäppchenpreisNeue Elektro-SUV auf der CES - Fast zum Schnäppchenpreis
Fast zum Schnäppchenpreis Neue Elektro-SUV auf der CES Ganzen Testbericht lesen