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Testbericht

Marcel Sommer, 7. November 2014
Mercedes-Veredler Brabus hat sich den SL 63 AMG zur Brust genommen. Herausgekommen ist eine 850 PS starke Boden-Boden-Rakete, die einem nicht nur den Atem raubt.

"Es geht doch nichts über einen echt starken AMG." Wer mit diesem Gedanken auf den Betriebshof von Mercedes-Veredler Brabus fährt, wird schnell eines Besseren belehrt. Denn warum sich mit einem 585 PS starken SL 63 AMG zufrieden geben, wenn es doch auch 265 PS mehr sein können? Na gut, der 629 PS starke SL 65 AMG wäre ja auch noch zu haben, doch kostet der ab 238.833 Euro. Der 63er kostet zwar inklusive Umbau rund 10.000 Euro mehr als die Zwölfzylinder-Sperrspitze - der Kleinwagen für die Frau ist also gestrichen. Aber wer genau nachrechnet, wird feststellen, dass jede Pferdestärke, die aus dem umgebauten Achtzylinder von Brabus kommt, mit 294 Euro zu Buche schlägt. AMG lässt sich jede PS, die sie aus ihrem 221 PS schwächeren 65er-Zwölfender herausholen mit 380 Euro bezahlen. Da heißt es für finanzstarke Sportwagenfans also nur noch: Taschenrechner zur Seite legen, zuschlagen und losfahren.

Zugegeben, nur die wenigsten werden einen sonderausstattungsfreien Mercedes SL 63 AMG für 160.590 Euro zu Bodo Buschmanns Tuning-Profis bringen, ihn für 89.000 Euro zu einem theoretisch 1.450 Newtonmeter starken Monster umbauen lassen und wieder verschwinden. So viel Kraft und Leistung wollen ordentlich verpackt und präsentiert werden. Die Klappenauspuffanlage, die per Knopfdruck die Erde beben lässt und der Carbon matte Motorhaubenaufsatz, der nicht nur Showzwecken dient, sondern den auf sechs Liter erweiterten Hubraum mit Luft versorgt, sind zwar Serie. Aber es gibt ja noch passende Räder, Heckspoiler, Heckdiffusor, eine Carbon-Frontlippe und vieles mehr. Ein Extra sollte für jeden Brabus 850er-Fahrer Pflicht sein: das AMG Performance Package im Wert von 14.280 Euro. Denn was bringt eine Boden-Boden-Rakete, wenn auf der Autobahn der drängelnde GTI-Fahrer nicht aus dem Spiegel verschwindet? Ok, auch ein Brabus 850 im SL-Kleid ist nach oben hin begrenzt. Doch 350 Kilometer pro Stunde müssen erstmal erreicht werden.

Schon im Stand versprüht der angemessen ausgestatte und somit über 300.000 Euro teure Bottroper Testosteron aus jedem Lüftungsschlitz. Das Vom-Hof-Rollen gleicht einem Eierlauf. "Bloß nicht zu doll das rechte Pedal berühren", leuchtet in Warnfarben vor dem geistigen Auge. Zur Beruhigung sei gesagt, dass die Traktionskontrolle und das sich im Comfort-Modus befindliche Siebengang-Automatikgetriebe Garanten für eine gemütliche Ausfahrt sein können. Aber wer will das schon? Mithilfe des Fahrerlebnisschalters wird dem Getriebe der Befehl zur Sportlichkeit+ erteilt. Die bis dato sehr komfortable Federung wird auf knüppelhart eingestellt und die Fingerspitzen an den von Brabus verbauten extragroßen Schaltwippen platziert. Jetzt noch zwei, drei Sekunden den Klappenauspuffschalter gedrückt halten, damit der Sound, der Assoziationen an sowohl einen Fischkutter als auch einen Traktor hervorruft, sich vollends entfalten kann und der wilde Ritt kann beginnen.

Allein der Weg zur glücklicherweise leeren Autobahn ist ein Genuss, denn er führt durch einen Tunnel. Kurz den niedrigsten Gang eingelegt, Fenster oder gleich das ganze Verdeck runter und drauf aufs Gas. Die brüllenden Elefanten- und Dinosaurier-Herden im Ohr, kommt das erste blaue Autobahnschild ins Blickfeld. Die seit einigen Jahren stellenweise beampelten Auffahrten bieten eine gute Möglichkeit, das Sprintpotenzial des Sportlers zu testen. Von der Launch-Control sollte in dieser Situation Abstand genommen werden, da sie zu stark die auf 1.150 Newtonmeter begrenzte Kraftentfaltung an den beiden angetriebenen Hinterrädern unterdrückt - ein wenig Vorspannung ist aber natürlich von Vorteil.

Es ist schwierig zu sagen, was nach dem beherzten Fußtritt aufs Gaspedal zuerst wahrgenommen wird. Das aus den Beinen in den Unterleib schießende Blut oder das Bewusstwerden dessen, dass eigentlich nur NASA-Astronaut Alexander Gerst einer vergleichbaren Beschleunigung während seines Starts zur Internationalen Raumstation ISS ausgesetzt war. Die Tachonadel fliegt nach 3,9 Sekunden über die 100er-Markierung. Nach weiteren sechs Sekunden fällt die 200er-Marke. Doch es geht noch weiter. Nach insgesamt 23,8 Sekunden ist Tempo 300 erreicht - was für ein Antritt. Ein etwa gleichteurer Lamborghini Aventador LP 700-4 mit Allradantrieb erreicht knapp eine Sekunde später die magische 300. Es ist förmlich zu spüren, wie die Reinluftleitungen aus Kohlefaser den Motor beatmen. Bei rund 97 Metern, beziehungsweise zwei vorbeifliegenden Autobahn-Leitpfosten pro Sekunde, ist Schluss.

Wer so schnell fährt, sollte auch schnell wieder bremsen können. Die rot lackierten Bremssättel der AMG Keramik Hochleistungs-Verbundbremsanlage lassen keine Zweifel an ihrer Qualität aufkommen. Wer schnell zum Stillstand kommen möchte, dem wird gern und ohne Kompromisse auf brutale Weise geholfen. Mit der Erkenntnis, dass auch Fitnessstudiobesuche offensichtlich nichts an einem nach vorn nickenden Kopf ändern können, rollt das stählerne Ungetüm tief grollend die Autobahnausfahrt hinunter gen Bottroper-Heimat.
Testwertung
5.0 von 5

Quelle: Autoplenum, 2014-11-07

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