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Testbericht

Benjamin Bessinger/SP-X, 29. November 2019
SP-X/Stuttgart/Berlin. Da war die sprichwörtliche Berliner Schnauze mal wieder ohne Gnade: Als Manfred von Brauchitsch im Mai 1932 an den Start rollte, hatten die Zuschauer des Internationalen Avus-Rennens für seinen Mercedes nur ein despektierliches „Gurke“ übrig. Denn während die Alfa, Bugatti und Maserati aussahen wie immer, war ihnen der Rennwagen des weithin unbekannten Nachwuchsfahrers irgendwie suspekt. Schließlich hatte sein Teamchef Reinhard Freiherr von Koenig-Fachsenfeld den Mercedes komplett neu eingekleidet und dabei die noch jungen Gesetze der Aerodynamik zu Grunde gelegt. Wo die Konkurrenz dem Wind jede Menge Widerstand bot, hat er bis auf die Räder alles verkleidet, was den Wagen irgendwie bremsen konnte und dabei selbst an den Unterboden gedacht – mit Erfolg: Mehr als 20 km/h Endgeschwindigkeit hat Fachsenfeld so gut gemacht und von Brauchitsch damit den Sieg gesichert. Denn selbst der legendäre Rudolf Caracciola konnte da nicht mithalten und musste die Gurke im Tiefflug auf einer der letzten Runden passieren lassen. Und ganz nebenbei hat der SSLK auch noch einen Weltrekord aufgestellt: Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 194,4 km/h über eine Strecke von 200 Kilometern erzielt von Brauchitsch eine neue Bestmarke.Michael Plag kennt diese Geschichte ganz genau und weiß auch über das Auto besser Bescheid als jeder andere. Denn seit er in der Werkstatt des Classic Centers arbeitet, ist der Mercedes-Mann fasziniert von dem Rennwagen, der die Konstruktion aller Autos nach ihm geprägt und die Aerodynamik im Automobilbau salonfähig gemacht hat. Deshalb hat er so ziemlich jeden Fitzel Papier dazu gelesen, mit den Zeitzeugen und ihren Nachfahren gesprochen und jedes Details studiert, dessen er habhaft werden konnte. Nur eines konnte er partout nicht herausfinden: Wo das Original geblieben ist. Denn schon im Jahr darauf haben die Schwaben den Wagen von Fachsenfeld zurückgenommen, die Stromlinienkarosse entsorgt und ihn als ganz normales Straßenauto verkauft.Doch so sehr ihn der Verlust wurmt, hat Plag seit diesem Sommer einen soliden Trost. Denn zur Feier von 125 Jahren Mercedes im Motorsport haben die Schwaben den Siegerwagen in den letzten Monaten noch einmal nachgebaut: Mit einer Handvoll Originalteile für die gerade einmal vier SSKL, die in den 1930er Jahren gebaut wurden, mit Skizzen anhand vergilbter Fotos und mit viel handwerklichem Geschick haben sie einen Rahmen hohl gebohrt, einen auf 300 PS getunten Reihensechszylinder von imposanten 7,1 Litern Hubraum darauf gesetzt und das Ganze mit einer von Hand gedengelten Alu-Karosserie verkleidet, die genauso unlackiert ist wie beim Original. Während damals schlicht die Zeit gefehlt hat, um den Lack eine Woche trocknen zu lassen, würde sich Plag heute nie erlauben, eine Farbe aufs Blech zu schmieren. Mehr als die regelmäßige Pflege mit Waffenöl, damit die Gurke auch schön silbern bleibt und das Blech nicht anläuft, kommt ihm nicht aufs Auto.Außer vielleicht dem Angstschweiß des Fahrers. Denn der bleibt kaum aus, wenn man sich in dem sechs Meter langen Torpedo in den schmalen Spalt zwischen dem riesigen Lenkrad und der niedrigen Rückwand quetscht und den Höllenhund zum Leben erweckt: Aus dem Auspuff, der dick ist wie ein Ofenrohr, bollern die Kanonenschläge, der Motor vor den Füßen lässt beim Anlassen den ganzen Parkplatz beben und wenn die Kupplung einschnappt, ist es, als täten sich die Tore zur Unterwelt auf, so wild und wütend, so ungezähmt und infernalisch ist diese Maschine.Man fühlt sich wie beim Ritt auf einer Rakete – nur ohne Helm, Hemd und Hose. Nicht einmal Gurte hatten sie damals. Aus gutem Grund. Denn das Beste, oder zumindest das am wenigstens schlimme, was einem bei einem Unfall passieren konnte, war, dass man möglichst weit aus dem Wagen flog. Schließlich gingen die Autos damals bei jedem Crash sofort in Flammen auf.All das geht einem durch den Kopf, wenn man versucht, das Ungetüm auf Kurs zu halten. Mit aller Kraft reißt man am riesigen Lenkrad um den langen Bug um die Kurve zu zwingen. Und hoch konzentriert lässt man die Füße über die Pedale fliegen. Nicht nur, dass sich die Gänge ohne Zwischengas nicht wechseln lassen und dass die Kupplung mehr Kraft erfordert als ein Elfmeter-Schuss im WM-Finale. Wie damals üblich, sind auch noch Gas und Bremse vertauscht. Und weil jede Verwechslung fatale Folgen hätte, ist ein bisschen Vorsicht durchaus angebracht.Aber auch das Gaspedal bedient man besser mit Vorsicht. Denn irgendwann schaltet sich sonst der Kompressor zu, es legt sich ein wildes Surren und Pfeifen über den Kanonendonner und es fühlt sich an, als hätte der Pilot bei einem Kampfjet den Nachbrenner angeworfen.Mit jedem Meter wächst dabei der Respekt vor den Rennfahren von einst, die sich in solchen Autos mit Vollgas ins Getümmel gestürzt haben – und der Zweifel an ihrem Geisteszustand. Denn schon besseres Schritttempo auf einer einsamen Landstraße ist eine Herausforderung mit so einem Auto. Aber wer damit ein Rennen fährt, der muss verrückt sein und hat mit seinem Leben abgeschlossen haben. Anders kann man sich so einen Höllenritt jedenfalls nicht erklären. Und wenn das wirklich eine Gurke sein sollte, dann jedenfalls die giftigste, die es je gegeben hat.Aber mit diesem despektierlichen Spitznamen musste der SSKL nicht lange leben und noch bevor er bei seinem ersten Rennen das Ziel erreicht hatte, gab ihm der schier atem- und -beinahe sprachlose Reporter Paul Laven in seiner Übertragung für den Südwestdeutschen Rundfunkdienst aus Frankfurt am Main einen Namen mit sehr viel besserem Klang. Denn als von Brauchtisch nach 1:30:52 Stunden mit über 230 km/h auf die Ziellinie zugeflogen kam, lärmte und schwärmte der Radiomann von einem „Silbernen Pfeil“ und hat damit einen Begriff für die Ewigkeit geprägt.Es gibt ehrenvollere Namen für einen Rennwagen als „Gurke“. Doch man muss die Berliner Bevölkerung verstehen. Denn was Manfred von Brauchitsch da am 22. Mai 1932 über die Avus geprügelt hat, hatte mit dem gewöhnlichen Bild von einem Rennwagen kaum etwas gemein. Aber so außergewöhnlich sein Mercedes SSKL war, so erfolgreich war er auch – und hat deshalb nicht nur alle Autos der nächsten Jahrzehnte geprägt, sondern am Ende auch noch einen ehrwürdigeren Namen bekommen.
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Fazit
Es gibt ehrenvollere Namen für einen Rennwagen als „Gurke“. Doch man muss die Berliner Bevölkerung verstehen. Denn was Manfred von Brauchitsch da am 22. Mai 1932 über die Avus geprügelt hat, hatte mit dem gewöhnlichen Bild von einem Rennwagen kaum etwas gemein. Aber so außergewöhnlich sein Mercedes SSKL war, so erfolgreich war er auch – und hat deshalb nicht nur alle Autos der nächsten Jahrzehnte geprägt, sondern am Ende auch noch einen ehrwürdigeren Namen bekommen.

Quelle: Autoplenum, 2019-11-29

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