Ford Köln: Und wenn der Schichtleiter vergebens wartet…

Testbericht
Vor einigen Tagen demonstrierten anlässlich einer Betriebsversammlung zeitweise über 10.000 Mitarbeiter von Ford und zahlreichen in Köln angesiedelten Zulieferern für den Erhalt der Fiesta-Produktion in Köln. „Ford ohne Fiesta ist wie Köln ohne Dom" stand zum Beispiel auf einigen Plakaten. Wenn alles schief läuft, könnte es jedoch sein, dass man sich in 2017 - wenn endlich die um drei Jahre verspätete neue Generation des Kleinwagens auf den Markt kommt - damit abfinden muss, dass nur noch der Dom in Köln steht.
Denn die 2011 geschlossene Beschäftigungssicherungs-Vereinbarung, in der unter anderem festgehalten ist, dass der Ende 2014 anlaufende neue Fiesta in Köln gebaut wird und die Mitarbeiter eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2016 haben, ist für die noch in diesem Jahr in der Ford-Zentrale in Dearborn zu treffende Entscheidung, wo der neue Fiesta nun gebaut wird, hinfällig.
Und der Wettbewerb unter den europäischen Ford-Werken hat zugenommen, was sicher auch die US-Chefs erfreut, die schließlich im Europa-Geschäft endlich aus den roten Zahlen kommen wollen. Hauptkonkurrent ist das Werk im rumänischen Craiova, in das Ford rund eine Milliarde Euro investiert hat und wo gegenwärtig der Mini-Van B-MAX auf Fiesta-Plattform von den Bändern rollt. Das Werk ist bei weitem nicht ausgelastet und kann mit weitaus günstigeren Energie- und vor allem Lohnkosten aufwarten.
Hinzu kommt, dass es in Köln seit längerer Zeit ein spezielles Problem gibt - den Krankheitsstand. Liegt er in Europa im Durchschnitt bei vier Prozent, beträgt er bei den Ford-Werken in Köln zwischen zehn und 20 Prozent. In der finanziell besonders lukrativen Nachtschicht nähert man sich häufig der Höchstquote und der Schichtleiter wartet nicht nur vergebens auf viele Kollegen, sondern muss ein Meister im Improvisieren sein, um die Produktion am Laufen zu halten. „Auf Dauer ist das natürlich nicht förderlich für die Qualität" kommentiert ein nicht genannt werden wollendes Betriebsratsmitglied die Problematik, die man in Köln ganz offensichtlich nicht in den Griff bekommt.
Muss man aber, wenn man eine Chance haben will. Denn nur das generelle Beschwören von hervorragenden Standortfaktoren (Produktivität, Nähe zum Entwicklungszentrum Merkenich), wie es der Betriebsratschef Martin Hennig gerne tut, dürfte nicht reichen. Und auch die jetzt in einem Interview mit der Branchenzeitung „Automobilwoche" getätigte Äußerung, „man sei zu einem Entgegenkommen bereit, aber keineswegs zu einem Lohnverzicht" zeugt ebenso wenig von einer richtigen Einschätzung der Lage wie die Aussage „Craiova sei gar nicht in der Lage, 300 000 Fahrzeuge jährlich zu produzieren."
Dies zu beurteilen dürfte sich nämlich Detroit vorbehalten Und dass sich Amerikaner generell nicht gerne bevormunden lassen und erst recht nicht, wenn es um ihr eigenes Unternehmen geht, sollte sich auch bis nach Köln herumgesprochen haben. Wenn dies immer noch jemand in Niehl oder Merkenich nicht kapiert haben sollte - ein Anruf bei Bochumer Opel-Kollegen könnte hilfreich sein. Klingt nach Sarkasmus - soll es auch sein. Zumal auch der Standort Deutschland trotz seiner Größe und seiner Verkaufszahlen in Detroit schon lange keinen Sonderbonus mehr genießt. Deshalb zur Erinnerung das Statement, das vor etlichen Jahren der damalige Vice President Europe Roger Hayes gegenüber unserer Redaktion abgab: „Deutschland hat die gleiche Bedeutung für Ford wie Luxemburg und Liechtenstein." Ehe es zu spät ist, sollten sich Martin Henning und Kollegen daran erinnern. (dpp-AutoReporter/Hans H. Grassmann)


























