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Testbericht

Stefan Grundhoff, 20. November 2020
Die Mercedes S-Klasse wirbt seit Mitte der 1970er Jahre selbstbewusster denn je damit, das beste Auto der Welt zu sein. Wir haben uns bei einer Wirtschaftstour durch Deutschland im legendären 450 SEL 6.9 auf die Suche gemacht, ob die Luxuslimousine diesem Anspruch gerecht wird.

Vor kurzem stellte Mercedes seine neue S-Klasse vor und legte gleich noch die sündhaft teure Maybach-Version mit V12 und knapp 5,50 Metern Länge nach, die besonders in China eine große Rolle spielen wird. Wieder einmal will die S-Klasse nicht weniger sein, als das beste Auto der Welt. Doch auch wenn sie in Sachen Hightech Bestmarken setzt, ist sie längst nicht mehr die unangefochtene Nummer eins im Segment weltweiter Luxuslimousinen. Zwischenzeitlich hatten der aktuelle Siebener BMW und danach der innovationsfreudige Audi A8 Bestmarken gesetzt. Bis BMW im Jahre 2022 eine neue Generation seines Siebeners - erstmals auch als Elektroversion - vorstellen wird, ist jedoch die Mercedes S-Klasse der Generation W 223 wieder die unangefochtene Nummer eins. Dabei bekommt die innovativste S-Klasse aller Zeiten ab kommendem Jahr Konkurrenz aus dem eigenen Hause. Anders als BMW bei seinem Siebener wird es den Schwaben nicht mit Elektromotor geben. Stattdessen dürfte der dann folgende Mercedes EQS auf einigen Märkten das neue Topmodell mit dem Stern auf der Haube sein. Zumindest in Sachen Wettbewerb und Image wenig nachvollziehbar, hat Daimler die Coupé- und Cabrioableger der S-Klasse gestrichen und setzt stattdessen ab Herbst 2021 auf die Neuauflage des Mercedes SL - seit der Generation R 129 erstmals wieder mit einem Stoffdach - ein sportliches Coupé gibt es dann allein von AMG, die auch den neuen SL federführend entwickelt haben.

Auch wenn die E-Klasse volumenbedingt mehr Geld in die Daimler-Kassen spült und der GLC das aktuell meistverkaufte Modell der Schwaben weltweit ist, bleibt die S-Klasse Ertrag- und Imagebringer. Die offizielle Geschichte der Mercedes S-Klasse begann Anfang der 1970er Jahre; auch wenn es bereits vorher zahllose Luxusmodelle - angefangen bei der Mercedes Simplex Touring Limousine mit ihren 60 PS oder dem Modell Nürburg gab, trägt das Aushängeschild der Stuttgarter Marke, des deutschen Automobilbaus und des weltweiten Luxussegments die Bezeichnung S-Klasse. Kein Auto ist mehr mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland verbunden, als der Top-Mercedes und seine Vorgängermodelle. Während der VW Käfer oder ein Opel Kadett für die Mobilität der Massen sorgte, war die deutsche Wirtschaftselite zumeist im Fond einer S-Klasse unterwegs. Grund genug, an einigen der wichtigsten Wirtschaftsstandorten auf Spurensuche am Steuer des imageträchtigen Erstlingsmodells W 116 zu gehen, der ab dem Jahre 1975 mit dem Topmodell Mercedes 450 SEL 6.9 zur Legende wurde. Damals war der edelste aller W 116er mit knapp 70.000 D-Mark doppelt so teuer wie der alles andere als günstiger 350 SE. Dafür gab es einen Motor wie keinen zweiten in Europa. Acht Zylinder, 6,9 Liter Hubraum, 210 kW / 286 PS und 530 Nm, die nur leicht von der alles andere als dynamisch arbeitenden Dreigang-Wandlerautomatik eingebremst wurden. Mit mehr als 225 km/h war der 450 SEL 6.9 schneller als die weltweite Konkurrenz und die perfekte Langstreckenlimousine.

Bewegt wurde sie von den Reichsten der Reichen, den Schönsten der Schönen und der absoluten Elite. Wirtschaftsbosse ließen sich ebenso wie Schauspieler und Könige nur allzu gern in einem 6.9er durch die Gegend chauffieren oder griffen selbst ins Steuer. Herbert von Karajan, Udo Jürgens, Hanns-Martin Schleyer, Scheichs, Könige - die Liste ist endlos und elitärer denn je. Nur bei den Politikern kam das unangefochtene Topmodell nicht in die Einfahrt, denn die gefährlichen Zeiten bedingten gepanzerte Versionen und das waren der kleine 350er und das eigentliche Topmodell 450 SEL. Doch die Vorstände in der Bankenmetropole Frankfurt waren zwischen Innenstadt und Bad Homburg, dem Odenwald oder Richtung Königstein nur allzu gerne in einem Mercedes 450 SEL 6.9 unterwegs. Erst als es Ende der 70er Jahre für einige gefährlicher wurde, stieg so mancher auf eine 450er-Panzerversion um.

Der Luxus war zwar nicht auf dem Niveau amerikanischer Konkurrenten, doch neben dem gewaltigen Achtzylinder mit 6,9 Litern Hubraum, einer hydropneumatischen Federung und Wandlerautomat nebst Trockensumpf bot der edelste aller W 116er eine Ausstattung, die Fahrer eines Ford Granada oder eines Renault 30 nur erahnen konnten. Wer sich in den üppigen Ausstattungsliste für das Extra mit der Nummer SA 261 entschied, ärgerte Autobahngefährten besonders, denn dann wurde dem Topmodell seit Motorisierungssignet am Heck entfernt und kaum jemand hatte einen Schimmer, welches gewaltige Kraftpaket unter der Motorhaube werkelte. Aus dem Stand ging es in kaum mehr als sieben Sekunden auf Tempo 100 und auch bei den restlichen Leistungsdaten konnten allenfalls noch ein paar damalige Supersportler mithalten - die aber allesamt keine bis zu fünf Personen gleichzeitig befördern konnten.

Noch wohler als in Frankfurt oder seiner Geburtsregion Stuttgart / Sindelfingen fühlt sich der Mercedes 450 SEL 6.9 am Rhein. Unzählige Male hat er den ebenso steilen wie kurvenreichen Anstieg zum Petersberg erklommen, sich in Kurven gelegt, zurückgeschaltet und bullig herausbeschleunigt. Von dort aus sind es gerade einmal 25 Minuten bis nach Bad Godesberg und Bonn zur Villa Hammerschmidt, dem Sitz des Bundespräsidenten. Neben dem legendären Mercedes 600 sind der W 116 und sein Nachfolger W 126 untrennbar mit der Bonner Republik verwoben. Klein, bürgerlich und im Vergleich zu den anderen internationalen Hauptstädten piefig im Vergleich zur großen Bühne mit den internationalen Vertretern der Weltmächte. Im Begleitprogramm von gepanzerten Politikerkolonnen und Staatsgästen gab es in der abendlichen Tagesschau zumeist ein Fahrzeug immer wieder zu sehen: die Mercedes S-Klasse. Seinerzeit oftmals grün, gelb, blau oder grau und fast niemals schlicht schwarz. In der viereinhalbjährigen Produktionszeit des Mercedes 450 SEL 6.9 liefen gerade einmal 7.380 Fahrzeuge vom Band; die meisten Modelle gingen in die USA, einige nach Asien und Südamerika. Der serienmäßige Velours ließ sich auf Wunsch zur Lederanlage aufbrezeln. Da sich der 6.9 in zwei Klassen - Selbstfahrer und Chauffeurfahrzeuge - teilte, konnte man sogar für den Fond elektrische Sitze, eine Sitzheizung und später erstmals ein serienmäßiges Anti-Blockier-System ordern. Dass nicht wenige der Luxuskarossen mit einem 18.000 Mark teuren Funktelefon ausgestattet werden, zeigt welch Kundenklientel mit Vorliebe im Fond der Nobelkarosse Platz nahm.

Gerade die Begleitfahrzeuge von Sicherheitskolonnen waren nicht allesamt gepanzert und einige waren mit dem besonders dynamischen 6.9er unterwegs. Das Sicherheitspersonal reiste nicht auf weichem Leder, sondern griffigem Flockvelours. Gegen die Hitze im Sommer halfen wahlweise Klimaanlage oder das elektrische Schiebedach und im Winter halfen Sitz- und Standheizung, die von einer prähistorisch anmutenden Runduhr im Handschuhfach gesteuert wird. Für die Kommunikation damaliger Zeit und den allemal harten Arbeitsalltag gab es Bündelfunk und zwei Telefone. Genügend Platz vorne wie hinten war den Passagieren in der Bonner Republik ebenso wichtig wie rund eine Fahrstunde weiter nordöstlich im Ruhrgebiet. Auch wenn das Geld in Frankfurt verwaltet und in Städten wie München oder Hamburg repräsentiert wurde: die Wirtschaftsgrößen saßen oftmals im Ruhrgebiet und hier bevorzugt im Essener Süden und um die Villa Hügel - bis zu Zweiten Weltkrieg die deutschen Rockefellers zu Bohlen und Halbach. Zwischen dem Baldeneysee und dem Stadtteil Bredeney waren ganze Scharen von Mercedes S-Klassen zu Hause. Hier fuhr man 600er, als Wochenendgefährte die Coupés und Cabrio wie den W 111 oder eben die S-Klasse - bevorzugt vom Typ W 116 und dem noch perfekteren Nachfolger W 126, der nach seiner Modellpflege im Jahre 1985 als 560 SEL ein neues Topmodell gebar - das im Unterschied zum Vorgänger gepanzert oder ungepanzert sowie sogar als Kurzversion des 560 SE mit Leistungen bis hinauf auf 300 PS angeboten wurde.
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Quelle: Autoplenum, 2020-11-20

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