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Testbericht

Stefan Grundhoff, 7. November 2019

Die Japaner lieben Kei-Cars, Manga-Figuren und europäische Autos. Wieso nicht auch ein Elektroauto wie den Mercedes EQC?

Mit Elektroautos tun sich die Japaner bisher schwerer als viele andere. Über die Hälfte der verkauften Fahrzeuge hierzulande sind die kleinen Kei-Cars, mit denen man steuerbegünstigt ohne Nachweis eines Parkplatzes quer durchs Land gondeln kann. Die maximal 3,40 Meter langen Minis sind entweder verspielt oder quadratisch und praktisch, um eine maximale Platzausbeute auf wenig Raum zu ermöglichen. Wem die Kei-Cars zu winzig sind, der kauft sich Langweiler-Autos wie einen Toyota Prius oder einen Nissan Note, gerne mit Hybridtechnik und bevorzugt ohne Stecker. Wer genügend Geld hat und in Sachen Autos etwas darstellen möchte, entscheidet sich gerne für Produkte eines der deutschen Premiumhersteller. Allzu gering ist bisher das Interesse am Thema Elektroauto. Doch zunehmend erwärmen sich die japanischen Hersteller und mit ihnen auch die nationalen Kunden für alternative Antriebstechnologien wie Elektroautos oder Wasserstoffmodelle.

Auf den Straßen von Tokio, Yokohama oder Nagoya zeigt sich, dass man mit einem Elektroauto in Japan gut bedient ist. Die Straßen sind voller denn je und so ist man häufig in sehr langsamem Tempo auf Schnell- und Verbindungsstraßen unterwegs. Genau das rechte Terrain für den neuen Mercedes EQC, der mit großen Erwartungen gestartet ist, diese jedoch nicht vollends erfüllen könnte. Für die einen hapert am Design, andere monieren die zu geringe Höchstgeschwindigkeit oder das Platzangebot. Da tut eine frühe Rückrufaktion für Mercedes besonders weh.

Auf den Straßen von Japan ist von den Problemen des elektrischen EQC nicht viel zu merken. Sein Design ist so unauffällig, dass sich auf den Asphaltbahnen der 30-Millionen-Aglomeration Tokio niemand ernsthaft nach dem Bruder des Mercedes GLC umdreht. Von dem Hotel oder an der Ampel gibt es bisweilen kurze Blicke - das war es auch schon, denn der Honda N Box auf der Fahrbahn nebenan oder ein aufgebrezelter Toyota Supra macht für die Japaner eben mehr her, als ein Mittelklasse-SUV, der etwas mehr sein möchte, als seine Abmessungen vermuten lassen. Ändert nichts daran, dass zumindest die schwarze Scheinwerfermaske im Zorro-Stil bei dem ein oder anderen augenscheinlich gut ankommt und Handykameras gezückt werden.

Im Fahrbetrieb schlägt sich das Elektromobil aus deutscher Produktion prächtig. Der Antritt des 300 kW / 408 PS starken EQC ist auch Dank 760 Nm maximalem Drehmoment imposant und problemlos schwimmt man zu der frühen Morgenstunde im vollen Tokio-Verkehr mit. Es geht über die Stadtautobahn 357 Richtung Süden ehe einen die 409 mit der kilometerlangen Brücke unter der Tokio Bay Richtung Kisarazu führt. Die Autobahngebühren werden an den Bezahlstationen derweil automatisch über einen Transponder abgebucht. Das allzu restriktive japanische Tempolimit von 100 km/h spielt dem 2,5 Tonnen schweren Allradler ebenfalls in die Hände. Auch wenn man es einmal etwas flotter angehen lässt, sind jene Tempi, die den Elektroautos aufgrund von Antrieb und Aerodynamik schwere Kopfschmerzen bereiten, in weiter Ferne. Hier stört sich an den geringen 180-km/h-Maximaltempo niemand. Die Reichweitenanzeige lässt einen mit 319 Kilometern Reststrecke entspannt den Weg zurück Richtung Tokio Tower antreten.

Was gefällt, sind das extrem geringe Geräuschniveau, der bullige Antritt und das lässige Gleiten, das der Mercedes EQC vorbildlich beherrscht. Wird die Straße schlechter, federt die Vorderachse bisweilen etwas ruppig an, doch sonst genießt man die bequemen Lederstühle und die präzise Navigationskarte, deren Ziele sich in Japan bestens per Telefonnummer finden lassen. Die Rekuperationsstärke lässt sich über die Wippen am Lenkrad steuern; muss im gerade einmal fließenden Verkehr aber nicht sein, sondern man lässt es einfach rollen. Wer die stärkste Stufe ansteuert, nutzt das sogenannte One-Pedal-Feeling wie es viele bei einem Elektroauto mögen.

Auffallend klein ist am Straßenrand das Angebot an Zapfsäulen, denn an der lokalen Tankstelle, die mit bunten Schriftzügen Idemitsu, Kerosene oder Care Service lockt, wird nur der eigene Durst gestillt und der eilig herauskommende Tankwart bleibt bei dem deutschen Batterie-SUV arbeitslos. Dabei sind die Ladesäulen selbst in der ausufernden Innenstadt von Tokio rar gesät und der 80-kWh-Akku unter dem Innenraum bleibt ohne externen Energiezufluss. Immerhin sind einige der neuen Parkuhren mit Ladesteckern ausgerüstet und so könnte der EQC nachtanken, wenn er nur müsste. Doch das überschaubare Reisetempo sorgt dafür, dass der Ladestand deutlich langsamer heruntergeht, als dies bei europäischem Autobahntempo der Fall wäre. Abends ist der Ladestand dann doch langsam im niedrigen dreistelligen Kilometerbereich und so lockt der Mercedes Me Store, in dessen Nähe sich ein paar nette Restaurants befinden. Daran werden sich Fahrer eines Elektroautos nicht nur in Japan gewöhnen müssen: Restaurants, Bars und Cafés werden nicht zuletzt danach ausgesucht, um die Ladezeiten sinnvoll zu überbrücken. Dabei sind die meisten Lokalitäten jedoch nicht derart unterhaltsam wie in Downtown Tokio.

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Quelle: Autoplenum, 2019-11-07

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