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Testbericht

Stefan Grundhoff, 29. Juli 2020
Mit dem Strich-Achter begann für die Mercedes eine neue Ära in der Oberklasse. Doch den Vorgänger der aktuellen E-Klasse gab es nicht nur als viertürige Limousine, sondern auch mit Sonderaufbauten und speziell als elegantes Coupé.

In unseren Breiten wurde der Strich-Achter von Mercedes zum Inbegriff des unkaputtbaren Personenbeförderers. Viel Platz, jede Menge Komfort und eine vorsichtig ausgedrückt zurückhaltende Motorisierung machten die Baureihe W 114 / W 115 Ende der 60er Jahre nicht nur in Elfenbeinlackierung zu einem wahren Dauerläufer. Bis heute ist kein Taxi mehr Taxi als der Strich-Achter. Doch Strich-Acht geht eben auch anders und nicht jeder W 115 war mit einem müden 60-PS-Vorkammerdiesel unterwegs. In den USA rollte er bereits in den frühen 70ern in Luxusausstattung über Highways und speziell als seltenes Coupé ist er bis heute eine Augenweide.

Während die Coupés mit dem steil im Wind stehenden Chromgrill und den markanten Hochkant-Leuchten als 250er und 280er mit sonorem Klang über Autobahnen und Landstraßen cruisten, knatterten die normalen Familienversionen zumeist mit den kleinsten Triebwerken über deutsche Straßen. Auch wenn die meisten Strich-Achter als schwächlich motorisierte Taxis erst den europäischen und dann den afrikanischen Kontinent mit ihrer schier unverwüstlichen Langlebigkeit eroberten, war der Vorläufer der E-Klasse nicht nur als bodenständig motorisierter 200 D, kaum stärkerer 220 D oder als kraftvollerer 240 D - nach der Modellpflege im Jahre 1973 auch mit drei Litern Hubraum und fünf Zylindern - unterwegs. Gerade in den USA machten die leistungsstärkeren Versionen 250, 280 und speziell 280 E von sich reden.

Man muss kein Pädagoge sein, der sich mit endlosen Taxi-Nachtschichten ebenso mühsam wie schlafarm sein Studium finanzierte, um den Strich-Achter in sein automobiles Herz geschlossen zu haben. Die meisten hockten beinahe rund um die Uhr auf heruntergerockten Kilometerfressern in wenig charismatischer Elfenbeinlackierung, technisch durch nichts aus der Ruhe zu bringen und vergleichsweise kostengünstig zu reparieren. Beim Strich-Achter kommen viele Taxifahrer noch heute ins Schwelgen, lassen ihre Studienzeit Revue passieren oder erinnern sich an erste Knutschereien im väterlichen Familienfahrzeug. Die Baureihe W 114 (Sechszylinder) und W 115 (Vier- und Fünfzylinder), von 1968 bis 1976 produziert, war das erste Volumenmodell von Mercedes.

Mit knapp zwei Millionen produzierten Fahrzeugen verkaufte der Stuttgarter Autobauer so viele Strich-Achter wie vorher von allen Mercedes-Fahrzeugen zusammen. Dabei gab es vom Coupé weltweit nicht einmal 70.000 Fahrzeuge. Der Strich-Achter mit der größten nachgewiesenen Laufleistung ist ein 240 D, der von 1976 bis 2004 unglaubliche 4,6 Millionen Kilometer zurücklegte und es damit spielend ins Mercedes-Museum schaffte. Keine Überraschung: der zweimillionste Mercedes PKW seit 1946 war ein 220 D der Baureihe W 115, der am 9. Mai 1968 im Werk Sindelfingen vom Band lief.

Bereits das Design der Limousine war bei der Premiere im Januar 1968 eine echte Revolution. Vorbei waren die exaltierten Anlehnungen an amerikanische Straßenkreuzer wie sie zuletzt auch der Vorgänger der Heckflossen-Baureihe W 110 zeigte. Die Linienführung des Strich-Achters, gemeinsam erstellt von Paul Bracq und Friedrich Geiger, war unspektakulär, betont praktisch und bei weitem nicht so filigran wie die der Baureihen W 100, W 108 / W 111 oder W 116. Der 4,68 Meter lange Strich-Achter war ein zu seiner Zeit großzügig dimensioniertes Modell der Oberklasse mit Platz für bis zu fünf Personen, jede Menge Gepäck und einer bei den Limousinen zumeist recht trägen Motorisierung. Egal ob die taxigeneigten Selbstzünder mit Leistungen zwischen 55 und gerade einmal 65 PS oder die Benziner vom Typ 230.4, 230.6 oder 250, die immerhin bis zu 130 PS leisteten. Echte Fahrfreude gab es insbesondere am Steuer der Topmodelle 280 und 280 E, von denen der stärkere Dank Bosch-Benzineinspritzung und obenliegenden Nockenwellen immerhin 136 kW / 185 PS leistete. Mehr bot auch der Nachfolger des W 123 nicht. Besonders dynamisch präsentieren sich 280 und 280 E als Handschalter. Anders als man es von den meisten Modellen der Baureihe W 114 / 115 kennt, befindet sich die Viergangschaltung dann auf der Mittelkonsole zwischen Fahrer und Beifahrer. Die meisten Strich-Achter Breiten waren mit einer Getriebeautomatik unterwegs, deren Schaltstufen am Lenkrad eingelegt wurden.

Angespornt von den 160 bzw. 185 PS starken Topmotorisierungen bedienten sich viele Kunden üppig in der Liste der Sonderausstattungen. Viele staffierten die Modelle mit Details wie Servolenkung, Blaupunkt-Radio, elektrischer Antenne, Colorglas oder gar elektrischen Fensterhebern, Klimaanlage, Zentralverriegelung und Ledersitzen aus. So ließ sich der Preis eines Mercedes 280 E Mitte der 70er Jahre als Limousine oder Coupé bis weit über 30.000 D-Mark drücken. Das karge Basismodell des Mercedes 200 kostete als Viertürer dabei kaum mehr als 13.000 D-Mark.

Besonders sehenswert ist der Mercedes Strich-Acht ab 1969 als Coupé mit endlos langen Türen und ein komplett zu öffnenden Fensterlinie. Der elegante Zweitürer hat den gleichen Radstand wie die Limousine, ist allerdings 45 Millimeter niedriger. Die durch Unterdruck verriegelten Rückenlehnen der Vordersitze werden bei geöffneten Türen automatisch entriegelt und gewähren so einen bequemen Zugang zur Sitzbank im Fond. Platz gab es hier jedoch im Überfluss. Bei den europäischen Modellen ließen sich die vier Seitenscheiben im Gegensatz zum ebenfalls großzügig dimensionierten Schiebedach wenig stilvoll mechanisch mit vier Fensterkurbeln öffnen und schließen. Für die Dachluke aus Stahl gab es einen ungewöhnlich auffällig zentral in der Mittelkonsole positionierten Schalter. Was ihm dafür trotz des Topzustandes aus den frühen 70er Jahren fehlt, ist das Radio. Das Loch des DIN-Schachtes wird von einer Kunstlederabdeckung mit ungewöhnlichem 280-C-Signet verdeckt.

Das Strich-Achter-Coupé ist weder als Vier- noch als Fünfzylinder zu bekommen. Je nach Baujahr gab es die Versionen 250 C, 250 2.8, 250 CE, 280 C und 280 CE mit einem Leistungsspektrum von 96 kW / 130 bis 135 kW / 185 PS. Auch wenn der dunkelblaue 280 C mit dem sonor brummenden Sechszylinder-Reihenmotor unterwegs ist, fehlt ihm die seinerzeit überaus beliebte Einspritzanlage, die dem Triebwerk etwas mehr Drehfreude und Dampf aus niederen Drehzahlen gibt. Doch auch als Vergaser lässt sich der zeitlos schöne Zweitürer mit seinen 118 kW / 160 PS kraftvoll und schaltfaul bewegen. Die Höchstgeschwindigkeit: statt der 200 km/h des 280 CE rennt der 280 C immerhin 190 km/h schnell. An die indirekte Lenkung und das spindeldürre Steuer hat man sich ebenso schnell gewöhnt, wie an das souveräne Fahrverhalten. Auch wenn das Strich-Achter-Coupé sich bei flotter Gangart mächtig in die Kurven hängt, ist man jederzeit Herr der Lange. Keine Überraschung, dass das Anfang der 70er Jahre Referenzklasse für ein Oberklassecoupé war, das keine nennenswerten sportlichen Ansprüche hatte. Ebenfalls überzeugend: die Effizienz, denn mit 12,5 Litern Superkraftstoff war der Vergaser genauso sparsam wie der Einspritzer und damit deutlich genügsamer als seine internationalen Wettbewerber aus England, Italien und den USA. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sind gute Mercedes Strich-Achter-Coupés nicht leicht zu finden; jedoch auch keine Seltenheit. Die Preise liegen zwischen 15.000 und 25.000 Euro.
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Quelle: Autoplenum, 2020-07-29

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