Peugeot-Treffen 2011 - Sprung in die Vergangenheit
Testbericht
Das Bild könnte nicht stimmiger sein. Seltene Oldtimer vor Häusern, Hotels und Badeanstalten, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Beim europäischen Peugeot-Treffen erwachte der morbide Kurort Salsomaggiore Terme drei Tage zu neuem Leben.
Salsomaggiore Terme hat im 19. Jahrhundert seine beste Zeit gehabt. Hier reisten die Reichen und Schönen aus ganz Norditalien an, um in den sehenswerten Thermen das natriumhaltige Wasser zu genießen und dabei ein paar Tage in der Emilia Romagna auszuspannen. Heute bietet der Kurort eine knappe halbe Stunde von Parma entfernt seinen Besuchern nicht viel mehr als seinen morbiden Charme, eine Handvoll Geschäfte, Cafés und überschaubare Varianten zur Freizeitgestaltung. Auf dem zentralen Platz in der 20.000-Einwohner-Stadt ist allenfalls am Wochenende einmal etwas los. Wo würden historische Peugeot-Oldtimer einen stilechteren Auftritt haben, als neben dem seit langen Jahrzehnten leerstehenden Grand Hotel oder vor dem Badehaus, das sich ebenfalls vor sehr langer Zeit in den städtischen Tiefschlaf verabschiedet hat? Aus ganz Europa sind Peugeot-Fans mit ihren knapp 200 historische Fahrzeugen vom Typ 172 über Klassiker wie 201, 301, 402 bis zum Youngtimer-Star des 205 Cabriolet in die Emilia Romagna gekommen. Norditalien ist in diesen Tagen im Oldtimerrausch. Parallel zum europäischen Peugeot-Treffen in Salsomaggiore Terme donnert am Wochenende mit geringer Entfernung die Armee von Mille-Miglia-Teilnehmern vorbei.
Doch damit haben die frankophilen Peugeot-Fans in diesem Jahr nicht viel am Hut. Die meisten sind viele hundert Kilometer nach Norditalien gekommen, um die automobile Leidenschaft mit Gleichgesinnten zu teilen. Kalevi Tiusanen aus Tampere in Finnland hat dabei nicht zum ersten Mal die weiteste Anfahrt auf sich genommen. „Mit meinem Peugeot 404 Cabrio bin ich hierfür 3.000 Kilometer gefahren – auf eigener Achse“, strahlt Kalevi Tiusanen über das gute Wetter, „wir sind sehr viel offen gefahren.“ Bei Tempo 160 ist ihm in seinem roten Cabriolet aus dem Jahre 1965 die Tachowelle gebrochen. Reparieren kann er diese erst nach dem knapp zweiwöchigen Trip, wenn er wieder zu Hause in Finnland ist. Hier stehen in seiner Garage ein halbes Dutzend weiterer Peugeot-Modelle wie 403, 404, 505 GTI oder 604. Wie die meisten Peugeot-Fans macht Tiusanen alles an seinen Autos selbst.
Ebenso wie Kalevi Tiusanen begeistern sich die meisten Teilnehmer des Peugeot-Treffens ausschließlich für französische Autos. Sie lieben das Design, den einzigartigen Charme und die Lebensart des Laissez Faire. „Mein Peugeot 402 hatte beim letzten Gutachten einen Wert von 33.000 Euro“, erzählt Michael Kreuz, Chef des deutschen Peugeot-Clubs, „wenn ein Stern vorne drauf wäre, wäre es mindestens das dreifache. Aber einen Mercedes sammelt doch jeder.“ Seine Peugeot 402 Limousine aus dem Jahre 1937 war in der französischen Hauptstadt lange Jahre als Pariser Taxi unterwegs. Ebenso wie Michael Kreuz denken viele. Vergleicht man die Atmosphäre auf dem europäischen Peugeot-Oldtimertreffen, geht es lässiger, eine Spur gleichgültiger als bei anderen Klassikerfreunden anderer Marken zu.
Viele der Fahrzeuge sind sehenswert, aber eben nicht in dem Bestzustand, wie man es von Oldtimerclubs bei Alfa Romeo, Mercedes, Porsche, Ford, Ferrari oder Opel kennt. Hier platzt an einem historischen Peugeot 203 gerne einmal etwas Chrom ab, dort ist der Lack des legendären Columbo-Cabriolets etwas matt und auch die Schar der 404er-Limousinen ist oftmals nicht im Bestzustand unterwegs. Charmant sind sie jedoch immer. Highlights im breiten Fahrzeugfeld sind der legendäre Le-Mans-Roadster 302 Darl’mat, verschiedene 203er-Nashörner und die sehenswerten Coupé- und Cabriomodelle der Baureihe 504. Überhaupt fällt auf, dass die meisten sehenswerten Peugeot-Modelle kein französisches Design haben. Gelungen war die Linienführung immer dann, wenn zum Beispiel wie beim 504 ein Designer wie Pininfarina Hand anlegte.
Das Treffen, die Geselligkeit und der Spaß am historischen Peugeot stehen bei der europäischen Zusammenkunft einmal im Jahr eindeutig im Vordergrund. Nur so ist zu erklären, dass zum Beispiel die Oldtimerausfahrt am zweiten Tag kaum mehr als 80 Kilometer lang ist. „Ich bin nicht die 1.400 Kilometer aus dem Ruhrgebiet hier nach Salsomaggiore Terme angereist, um hier bei 200 km langen Ausfahrten hinter dem Steuer zu sitzen“, klärt Christian Hölper, Vorsitzender des Clubs Peugeot 504 Coupé / Cabrio auf, „wir wollen gesellig sein und fahren schließlich Peugeots. Das muss man immer bedenken.“ Egon Gothmann aus Hamburg sieht das kaum anders. Ebenso wie viele andere hat sich der Peugeot-Fan stilecht zur Ausfahrt verkleidet. Seinen historischen Peugeot 402 B kennt in der frankophilen Fangemeinde jeder. Auf dem Dach thronen nicht nur historische Gepäckstücke und alte Skier, sondern auch ein jederzeit gut gefülltes Weinfass.
Im vergangenen Jahr hat Gothmann seine seltene Peugeot 402 Eclipse verkauft und ist seither nur noch mit der großen Limousine unterwegs, die er bereits seit 1981 besitzt. Das Erstzulassungsdatum im Jahre 1939 entspricht seinem Geburtstag. Obwohl er seinen Oldtimer per Hängertransport aus Hamburg schonte, brach kurz vor der Ausfahrt die Keilriemenscheibe. Auch Club-Präsident Michael Kreuz aus dem Peugeot-Vorkriegsregister hatte Pech. Aus Stuttgart angereist, ereilte ihn nach wenigen Kilometern auf der Wochenendausfahrt ein kapitaler Motorschaden. Keine Chance, die Reisegeschwindigkeit von bis zu 135 km/h einmal auszufahren. Aber es sollte ja sowieso die französische Lebensart und die Spaß an den Oldtimern im Vordergrund stehen. Das Wetter und die Atmosphäre könnten besser kaum sein.





























