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Testbericht

Wolfgang Gomoll / Stefan Grundhoff, 14. Oktober 2020
Wie klingt das Auto der Zukunft? Die verschiedenen Autohersteller tüfteln mit viel Aufwand daran, wie die Elektroautos von heute und morgen für den Kunden surren sollen.

Elektroautos und Geräusche - das ist so eine Sache. Nicht immer ist die Klanguntermalung ein Quell reiner Sinnesfreude. Das ist vor allem der Fall, wenn sich die Sounddesigner verkopfen und akustisch ein Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit durch die Galaxie schießen lassen, während das Elektromobil mit vergleichsweise jämmerlichen 50 km/h um die Ecke rollt. Doch diese Sturm- und Drangzeit des Sounddesigns neigt sich dem Ende zu. Statt Effekthascherei werden die Klänge in Zukunft ein Kommunikationsmittel des Autos mit dem Menschen sein - so etwas wie eine akustische Mensch-Maschine-Schnittstelle. Und noch mehr. Der Klang des Fahrzeugs wird auch zur Entspannung des Fahrers beitragen und auf dessen Stimmung reagieren. \"Sound ist das neue Licht\", sagt Alexander Treiber, der mit seinen Mitstreitern bei Mercedes an den Klangwelten der Zukunft tüftelt, die bei Autos wie der elektrischen Luxuslimousine EQS und dessen technischen Brüdern eine neue Dimension der Interaktion zwischen Mensch und Maschine eröffnen soll. Waren bis vor Kurzem die Scheinwerfer und Rückleuchten die Stars in der Automobilkommunikation, kommen nun die Schallwellen dazu. Wie das aussehen wird, zeigt ein Mercedes EQC, der zum Soundmodul umfunktioniert wurde.

Die Soundmixer nutzen auch das Steuergerät des gesetzlich vorgeschriebene Acoustic Vehicle Alert Systems (AVAS), das bei Tempi bis zu 20 km/h andere Verkehrsteilnehmer auf das Elektromobil hinweist. Die Lautsprecher sind zwei zehn Zentimeter große Soundwürfel, die vorne und hinten in den Stoßfängern untergebracht sind. Beim Öffnen des Automobils bewegt sich die Klangwelle von vorne nach hinten, beim Verschließen von hinten nach vorne. So reicht das Gehör, um zu erkennen, welche Aktion gerade ausgeführt wird, ohne dass man den Blick auf die Lichtorgel am Auto richten muss. Allerdings wird bei dieser Funktion schon eine Prämisse klar, die die Soundküche bei ihrer Arbeit begleiten wird. \"Wir müssen etwas Zeitloses schaffen und dürfen den Menschen nicht auf die Nerven gehen\", erklärt Rawand Baziany. Ein kurzer Jingle oder eine Klangwelle, die sich einfach und eingängig anhört, also im Grunde schon Ohrwurm-Qualitäten hat, ist das Resultat von vielen Stunden des Komponierens. Wer jedoch glaubt, dass in diesem Team, aus dessen Feder die Klänge stammen, nur reinrassige Musiker oder Sounddesigner sitzen, irrt. An dem Hörerlebnis Autofahren der Zukunft feilen auch Physiker, Mediengestalter und Mechatroniker. Das zeigt, dass der akustische Elfenbeinturm der Musikwissenschaftler bei diesen Kompositionen nicht angebracht ist. Schließlich soll der Klang einem möglichst breiten Publikum zusagen.

Mit dem Öffnen und Verschließen eines Autos ist es nicht getan, schon gar nicht, wenn es sich um Elektromobile wie das elektrische Topmodell des Mercedes EQS handelt. Beim Stromtanken meldet sich der klangoptimierte EQC ebenfalls zu Wort und teilt dem Fahrer mit, dass der Strom fließt und mault, wenn der Stecker zu früh gezogen wird beziehungsweise jubiliert fröhlich, wenn die Akkus voll sind. Diese Interaktion erinnert an das Tamagotchi, ein elektronisches Spielzeug aus Japan, das von den Besitzern bei Laune gehalten werden musste und seine Gefühle hörbar kundtat. Bei der akustischen Begleitung der Fahrmodi wird die Sache dann komplexer. Beim dynamischen Sportmodus klingt das Auto wie ein Raumschiff in Warp-Geschwindigkeit. Der Sound erinnert an die Werke des legendären französischen Synthesizer-Musikers Jean-Michel Jarre. Die Ähnlichkeiten sind nicht ganz zufällig. \"Wir lassen uns natürlich von seiner Musik beeinflussen\", bestätigt Alexander Treiber, der an einem Tablet, das an dem Armaturenbrett des EQC angebracht ist, die Klangkulisse wählt. Auf dem Bildschirm ist ein Mischpult beziehungsweise Equalizer abgebildet, dessen Regler hin und hergeschoben werden.

Nicht viel anders sieht es bei Audi aus. Das Entwicklungsteam in Ingolstadt und Neckarsulm hat Monate daran getüftelt, wie der neue E-Tron GT als neue Topmodell der Elektrobaureihe klingen soll. Die beiden Ingenieure Rudolf Halbmeir und Stephan Gsell haben den progressiven elektronischen Sound konzipiert und designt - am Rechner, im Soundlabor, im fahrenden Auto und in Kundenstudien. Wie jedes Elektroauto bringt der Audi E-Tron GT dabei das gesetzlich erforderliche Akustikwarnsystem mit. Dieses ist bei dem Luxusmodell aus den Böllinger Höfen in Heilbronn jedoch in ein breiteres akustisches Spektrum eingebettet. Ein Lautsprecher in der Fahrzeugfront strahlt den AVAS-Klang ab. Wenn sich ein Kunde für das optionale Soundpaket bestellt, kommt ein zweiter, großer Lautsprecher im Heck dazu. Parallel dazu sorgen zwei Lautsprecher im Innenraum für ein betont emotionales Klangerlebnis. Dabei wird der Klang des E-Tron GT wird von zwei Steuergeräten permanent neu abgemischt, abhängig von Größen wie Geschwindigkeit oder Fahrpedalstellung. Über die einzelnen Fahrprogramme kann der Fahrer einstellen, ob und wie intensiv er ihn hören will.

Mit einem ungewöhnlichen Klang will auch der neue BMW i4 auf sich aufmerksam machen. Unter dem Namen Iconic Sounds Electric hat Komponist Hans Zimmer den Klang gemeinsam mit BMW Sounddesigner Renzo Vitale entwickelt. Dieser Klang soll Elektrofahrzeugen von BMW künftig zusätzlich emotionale Tiefe verleihen, indem ihr Charakter durch individuelle Klänge und Sounds für den Fahrer erlebbar wird. \"Renzo und ich waren inspiriert, die Vergangenheit und Zukunft von BMW in dem Sound für das BMW Concept i4 zusammenzubringen\", so Hans Zimmer, \"wir hoffen, dass der geschaffene Sound klassisch und doch überraschend ist und ein Gefühl der Leichtigkeit vermittelt, das zur Marke BMW passt.\" Die Klangwelt des BMW Concept i4 reicht dabei von den Fahrgeräuschen im Core-Modus bis hin zu intensiveren Klängen im Sportmodus.

Doch der Elektrosound ist nicht nur ein Thema für Elektroautos, sondern auch Plug-In-Hybriden. Dabei kann es nicht nur zur Emotionalisierung, sondern auch durch Differenzierung genutzt werden. Bestes Beispiel ist der neue Cupra Leon E-Hybrid. Der technische Zwilling des VW Golf GTE wird von der Kraft der zwei Herzen angetrieben. Dabei wird der 1,4 Liter große Turbobenziner von einem Elektromotor unterstützt, der im Doppelkupplungsgetriebe verbaut ist. Der Klang der beiden Antriebe - allein oder in der Kombination arbeitend - wird dabei durch ein Akustikmodul unterstützt, das je nach angewähltem Fahrprogramm nach außen und in den Innenraum tönt. Dabei ist der Klang, wenn beide Motoren zusammen in die Bresche springen gerade in den beiden Fahrmodi Sport oder Cupra betont durchaus krawallig. Selbst im reinen Elektrofahrbetrieb grollt der Spanier aus Martorell so tiefgründig elektrisierend vor sich hin, dass man meint, der Millennium Falcon aus dem Star-Wars-Streifen stünde kurz vor dem Sprung zur Lichtgeschwindigkeit. Der baugleiche VW Golf GTE oder der Adi A3 E-Tron tönen völlig anders - deutlich zurückhaltender.

Den Mercedes-Entwicklern ist wichtig, dass der Prototyp nicht voller Elektrotechnik steckt, sondern auch dieses Fahrsound-Spektakel mit hauseigenen Mitteln kreiert wird. Die technischen Veränderungen halten sich in überschaubaren Grenzen. Auf dem Verstärker des Soundsystems ist ein Computerchip mit einer Taktfrequenz von einem Gigahertz angebracht und außerdem nutzten die Programme sowie die Musik Teile des Speichers. Der Schlüssel ist die Software, denn die Algorithmen sind auch mit den wichtigen Aktuatoren des Fahrzeugs verknüpft und reagieren zum Beispiel auf Geschwindigkeit und die Gaspedalstellung. Gibt der Pilot Zunder, wirbelt auch die Musik mit hörbar mehr Verve. \"Das Gaspedal ist die Klaviatur\", schmunzelt Alexander Treiber. Bei so etwas den richtigen Ton zu treffen, ist alles andere als einfach. Bei den Testläufen nahmen mehr als 120 Mitarbeiter des schwäbischen Autobauers teil und gaben ihr Verdikt ab. Und bei der Konkurrenz sieht es nicht anders aus.
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Quelle: Autoplenum, 2020-10-14

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