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Testbericht

Wolfram Nickel/SP-X, 20. Januar 2020

SP-X/Köln. Trauerstimmung bei allen Cabriolet-Fans: Im Januar 1980 endete trotz vehementer Proteste die Fertigung des offenen Volkswagen 1303 und damit des letzten familientauglichen Vollcabriolets mit luftgekühltem Boxermotor im Heck. Gewiss, der moderne Golf war bereits gezeigt worden, aber dieser Luftikus mit Frontantrieb stand auch für eine optische Disruption durch den als „Henkel“ verspotteten feststehenden Überrollbügel. „Golf Cabrio nein danke“-Aufkleber avancierten damals zu Bestsellern und „Rettet das Käfer-Cabrio“-Aktionen sowie Protestfahrten gen Wolfsburg machten Schlagzeilen. Es nützte nichts. Mit dem Golf begann eine Zeitenwende im Cabriobau, die sich aktuell gerade wiederholt. Soll doch 2020 der Volkswagen T-Roc als erstes kompaktes SUV-Cabriolet den Frischluft-Golf vergessen machen – und die kleine Fraktion der viersitzigen Sturmhaubenträger mit frischer Faszination aufladen. Allerdings bekümmerte das Aus für den bis 1980 bei Karmann in Osnabrück gebauten VW 1303 mit seinem charakteristischem Verdeckkragen im Nacken nicht nur die Open-Air-Community, auch alle anderen Käfer-Freunde vergossen eine sentimentale Träne. Kam dieses automobile Symbol des Nachkriegs-Wirtschaftswunders doch fortan nur noch als Import aus mexikanischer Produktion nach Deutschland.Immerhin verabschiedete sich das luftgekühlte VW Cabriolet mit einem Schlussakkord, der einmalig war.

Schon anderthalb Jahre bevor das exakt 331.959 Mal ausgelieferte und damals weltweit erfolgreichste Cabriolet eingestellt wurde, erlebte der Veteran aus Vorkriegsjahren einen ungeahnten Hype. Ende 1978 kursierten die ersten Medien-Gerüchte, wonach dem seit 1949 beim unabhängigen Karosseriespezialisten Karmann gefertigten Volkswagen auch in finaler Ausbaustufe als 1303 lediglich eine kurze Restlaufzeit vergönnt war. Eigentlich keine Überraschung, kaufte doch die Käfer Limousine längst nur noch eine kleine Schar aus Golf-Verweigerern. Aber beim Käfer Cabrio verhielt es sich anders, dessen Produktionszahlen schossen nun prompt himmelwärts. Mit rund 20.000 gebauten Einheiten wurde 1979 sogar fast zum erfolgreichsten Jahr für das Käfer-Cabriolet; nur einmal, 1971, konnte der damals neue, „Super-Käfer“ 1302 noch höhere Stückzahlen einfahren. Es waren vor allem Sammler, die sich 1979 ihr Wunschauto sicherten, und dieses – damals ein neu entdeckter Trend – nicht selten einmotteten, um den Volkswagen als Wertanlage für die Ewigkeit frisch zu halten. Besonders das als Konservierungsspezialist bekannte Autohaus Nordstadt von Günter Artz in Hannover konnte kaum alle Anfragen von Cabrio-Fans beantworten. Mit dem Käfer wurde damals erstmals ein Massenmodell als Kapitalanlage betrachtet ähnlich einem Invest in Gold – dabei gab die europäische Zinspolitik Ende der 1970er Jahren eigentlich keinen Grund für eine derartige Flucht in Sachwerte.Dann jedoch ging es für das Garagengold noch schneller als gedacht, schon im Juli 1979 rollte der finale 1303 für den deutschen Markt vom Fließband und die restlichen Exemplare bis Januar 1980 waren dem US-Markt vorbehalten. Zugleich hoben die Gebrauchtpreise für den viersitzigen Spaßmacher ab wie wenig später die Verkaufszahlen des Abba-Chartstürmers „The Winner takes it all“. Und tatsächlich gab es viel zu gewinnen für 1303-Besitzer: Erzielte doch das gerade einmal 37 kW/50 PS leistende Cabrio auf dem Second-Hand-Markt Notierungen weit über Neupreis und sogar höher als manch gebrauchter Rolls-Royce.Ein Vergleich, der nur auf den ersten Blick irritiert.

Schon Anfang der 1970er Jahre hatte das Käfer Cabriolet die High Society erreicht. An Hotspots wie Sylt oder Riviera, aber auch in Marbella und vor den meisten Luxus-Hotels wurde der Lifestyle-Oldtimer ebenso goutiert wie offene Rolls-Royce Corniche, Ferrari oder Aston Martin. Bevorzugt ausgeliefert in tiefglänzender schwarzer Lackierung mit hellem Interieur galt der Käfer sogar in der globalen Mode-Kapitale Paris als dernier cri unter den Luxuswagen. Dazu hatten die gesellschaftlichen Verwerfungen der Jahre nach 1968 beigetragen, denn in Westeuropa wagten es weniger Wohlhabende in protzigen Luxuskarossen vorzufahren. Aber auch Prominente entdeckten den Charme des Käfers. Seien es Filmstars wie Paul Newman, Alain Delon oder Marcello Mastroianni, der Modemacher Yves Saint-Laurent, Popstar Sylvie Vartan oder gefeierte Fußballspieler wie Jürgen Klinsmann. Tatsächlich hatte Volkswagen schon den deutschen Titelhelden der Fußballweltmeisterschaft 1974 Cabrios der giftgrün lackierten Sonderserie 1303 LS „World Cup ´74“ geschenkt.An eine solche Karriere als Lifestyle-Ikone war bei Vorstellung der ersten Verdeckträger auf Käfer-Basis nicht zu denken. Im Nachkriegsdeutschland wollte sich eher die Kaufmannsgattin oder der Unternehmersohn durch Open-Air-Couture exklusiver Karossiers von gewöhnlichen Autofahrern differenzieren. So kamen die ersten Käfer Cabriolet von Hebmüller in Wülfrath oder Rometsch in Berlin, vor allem aber von Karmann in Osnabrück. Die Connection zu Karmann war für VW der Beginn einer langen Liebe zu luftgekühlten Luftikussen mit Käfer-Genen, die 1957 über den kultigen Karmann-Ghia im italienischen Sportdress zu den bunten Beach-Buggies der Swinging Sixties führte. Obwohl Medien über das Karmann Ghia Cabrio als „Hausfrauen-Porsche“ lästerten, konnte der Hersteller weit über eine halbe Million Karmann Ghia aller Varianten ausliefern und dies mit kontinuierlich leistungsgesteigerten Motoren ähnlich wie beim Käfer Cabriolet.Dieses wurde ab 1949 als Karmann-Cabriolet verkauft, verfügte dann über einen 1,2-Liter-Boxer-Vierzylinder mit bescheidenen 22 kW/30 PS und erstarkte erst 1965 zum VW 1300 mit 29 kW/40 PS, ein Jahr später zum VW 1500 mit 32 kW/44 PS - bis im Jahr 1970 mit dem VW 1302 LS und 1,6-Liter-Boxer-Vierzylinder bei 37 kW/50 PS der Leistungszenit erreicht war.

Käfer-Cabrio-Fahren stand lange Zeit für gerade noch bezahlbare Lust an Luft und Sonne, die bescheidene Fahrdynamik störte da nicht. So viel Erfolg ermutigte den Volkswagen-Hauslieferanten Karmann schon in den 1960er Jahren zu weiteren Sonnenseglern mit einem Boxermotor im Heck. Aber weder VW 1500 Cabrio (Typ 3), noch VW 411 Cabrio (Typ 4) oder der große Karmann Ghia (Typ 34) durften in Volumenfertigung gehen. Als der Karmann Ghia 1973 aus den Preislisten verschwand, war der Aufschrei in der Cabrio-Community beachtlich. Aber noch gab es den größten aller Käfer, den 1972 lancierten 1303 LS mit Panoramascheibe und Verdeck-Fenster zum Himmel, der nun wie ein Popstar gehypt wurde.Vielleicht weil er schon in seinen letzten Verkaufsjahren für vermeintlich bessere vergangene Zeiten stand, damals als Ergonomie, Effizienz und neue Sachlichkeit noch keine große Rolle spielten. Das nachfolgende Golf Cabriolet konnte den Verkaufserfolg des Krabbeltieres trotzdem übertreffen, aber das ist eine andere Geschichte. Als 2016 der finale Vorhang für das Golf Cabrio, weinte übrigens niemand. Für den offenen T-Roc heute Herausforderung, frische Emotionen zu wecken.

Chronik Volkswagen Cabriolets:1936: VW-Käfer-Cabriolet wird bei Karmann in Osnabrück als Prototyp gebaut. 1938: Weltpremiere für das Serienmodell des Käfer, den Typ 38 als Limousine, Limousine mit Rolldach und Cabriolet. Bis 1943 werden bei Autenrieth etwa zwölf viersitzige Cabriolets gebaut. 1946: Karmann erprobt einen Cabriolet-Prototypen des Käfer. 1948: Volkswagen bestellt beim Karosseriewerk Hebmüller (Wuppertal, Werk in Wülfrath) 2.000 Cabriolets. 1949: Karmann karossiert das viersitzige Cabriolet Typ 15, von dem VW eine Vorserie von 25 Einheiten bestellt. Darauf folgt eine Bestellung von 1.000 Serienexemplaren. Das 2+2-sitzige beim Karossier Hebmüller gebaute Cabriolet wird eingeführt und bis zur Insolvenz von Hebmüller wenige Jahre später in 696 Einheiten gebaut. Bis 1952 entstehen außerdem 482 viertürige Cabriolets als Offene Polizei Tourenwagen der Hersteller Papler (Köln), Hebmüller (Wülfrath) und Austro Tatra (Wien). 1950: Der Berliner Karossier Rometsch beginnt mit der Produktion von Käfer Cabriolets. Bis 1952 entstehen rund 500 Einheiten. 1957: Auf der Frankfurter IAA feiert das VW Karmann Ghia Cabriolet Weltpremiere.

1960: Als Prototyp entsteht bei Karmann ein Beachcar auf Käfer-Basis, der Jolly als Cabriolet ohne Türen und Faltdach. 1961: Am 1. September Serienanlauf des größeren Karmann Ghia 1500 (Typ 34) im Designstil des amerikanischen Chevrolet Corvair. Weltpremiere auf der IAA. Dort wird der Typ 34 auch als Cabriolet gezeigt, das aber ein Einzelstück bleibt. Auf der Frankfurter IAA debütiert als bis dahin größter Volkswagen der Typ 3, eine Mittelklasse-Limousine für Käfer-Fahrer, die aufsteigen wollen. Nicht in Serie geht ein Cabriolet auf Basis des VW 1500. 1964: Der amerikanische Dune-Buggy nutzt Kunststoffkarosserien auf VW-Käfer-Basis. In Deutschland baut Karmann von 1971 bis 1977 den VW-Buggy Karmann GF und den 1969 in Göttingen entwickelten AHS-IMP als Bausatz oder Fertigfahrzeug. Alle Motoren vom Käfer 1200 bis zum Käfer 1303 sind passend. 1965: Bestes Karmann-Ghia-Produktionsjahr mit 5.326 Cabriolets. Leistungssteigerung auf 40 PS. Volkswagen führt das VW 1300 (Käfer) Cabriolet ein mit 29 kW/40 PS, ab 1966 das VW 1500 (Käfer) Cabriolet mit 32 kW/44 PS, ab 1970 das VW 1302 LS (Käfer) Cabriolet mit 37 kW/50 PS. 1968: Nur ein Prototyp bleibt das von Karmann in Osnabrück entwickelte VW 411 Cabriolet. Zwischen 1968 und 1973 werden vom belgischen Karossier Apal rund 5000 Fiberglas-Karosserien für Buggies produziert, darunter der Apal Buggy und der Apal Rancho, die alle auf dem Volkswagen Käfer basieren. 1969: Auf dem Käfer basiert der viertürige offene Mehrzweckwagen Volkswagen 181, in den USA als „Volkswagen Thing“ vermarktet. Vom Volkswagen 181 werden bis 1979 exakt 90.883 Stück hergestellt. 1972: Im August erfolgt der Markstart des VW 1303 als Nachfolger des Typs 1302. Erkennungszeichen sind die gewölbte Panoramafrontscheibe und große Drei-Kammer-Rückleuchten, von Fans und Kritikern scherzhaft „Elefantenfüße“ genannt. Das 1303 LS Cabriolet ist nur mit der 1,6-Liter-Spitzenmotorisierung (50 PS) erhältlich. 1973: Produktionseinstellung des Karmann Ghia Cabriolet. 1979: Im März Weltpremiere des Golf Cabriolets auf dem Genfer Salon. Markteinführung im Juni. Produktion bei Karmann in Osnabrück. Im Juli Einstellung des Volkswagen 1303 LS Cabriolet für den deutschen Markt. 1980: Am 10. Januar läuft das letzte Käfer Cabriolet bei Karmann in Osnabrück vom Band. Insgesamt wurden 331.847 Cabriolets produziert. 1993: Auf der IAA in Frankfurt feiert die zweite Generation des Golf Cabriolet als Golf III Cabrio Weltpremiere. 2016: Einstellung des Golf Cabriolet. Auf dem Genfer Salon kündet das Konzeptfahrzeug VW T-Cross Breeze vom Beginn einer neuen Cabrio-Ära. 2019: Im September feiert das VW T-Roc Cabriolet auf der Frankfurter IAA Weltpremiere. 2020: Marktstart des VW T-Roc Cabriolet.

Die Käfer-Community würdigt das Produktionsende des 1303 Cabriolet vor 40 Jahren. Ausgewählte Produktionszahlen:696 VW Käfer Hebmüller Cabriolet (ab 1949), 482 VW Käfer viertürige Offene Polizei Tourenwagen (ab 1949), 500 VW Käfer Rometsch Cabriolet (ab 1950), 330.281 VW Käfer Cabriolet (bei Karmann; 1949-1980), 80.881 VW Karmann-Ghia Typ 14 Cabriolet (ab 1957), 140.000 VW Typ 181 (ab 1969), 1.200 VW-Buggy Karmann GF (ab 1971), 388.522 VW Golf I Cabriolet (erste Generation 1979-1993). Wichtige Motorisierungen:Volkswagen Käfer Cabriolet (1949-1980) mit 1,1-Liter-Vierzylinder-Benziner (18 kW/25 PS) bzw. 1,2-Liter-Vierzylinder-Benziner (22 kW/30 PS) bzw. 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner (29 kW/40 PS) bzw. 1,5-Liter-Vierzylinder-Benziner (32 kW/44 PS) bzw. 1,6-Liter-Vierzylinder-Benziner (37 kW/50 PS);Volkswagen Karmann Ghia Cabriolet (1957-1973) mit 1,2-Liter-Vierzylinder-Benziner bis 1,6-Liter-Vierzylinder-Benziner (22 kW/30 PS bis 37 kW/50 PS);Volkswagen Golf Cabriolet (1979-1992) mit 1,5-Liter-Vierzylinder-Benziner bis 1,8-Liter-Vierzylinder-Benziner (51 kW/70 PS bis 82 kW/112 PS).

Dieser Abschied schmerzte nicht nur die Cabriolet-Community: Vor 40 Jahren lief das letzte Volkswagen Käfer Cabriolet mit kultigem luftgekühltem Boxermotor vom Band. Damit endete zugleich die Fertigung des Käfers in Deutschland und der moderne Golf übernahm die Lufthoheit auch bei den familientauglichen Frischluftmodellen.  

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Fazit

Dieser Abschied schmerzte nicht nur die Cabriolet-Community: Vor 40 Jahren lief das letzte Volkswagen Käfer Cabriolet mit kultigem luftgekühltem Boxermotor vom Band. Damit endete zugleich die Fertigung des Käfers in Deutschland und der moderne Golf übernahm die Lufthoheit auch bei den familientauglichen Frischluftmodellen.  

Quelle: Autoplenum, 2020-01-20

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