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Testbericht

Stefan Grundhoff, 30. August 2015
44 Jahre nach der Produktionseinstellung präsentiert Mercedes auf der Frankfurter IAA wieder ein S-Klasse Cabriolet. Sein Vorgänger aus dem Jahre 1971 wurde längst zur Legende und rollenden Wertanlage.

Der Daimler-Klassiker Mercedes SL hat es schwerer denn je. Der doppelsitzige Edelroadster hatte 1971 als Baureihe R 107 die Rolle des Edelcabrios im Hause Mercedes übernommen. Gerade die aktuelle SL-Generation tut sich schwerer als je zuvor beim erlauchten Kunden. Das dürfte sich auch nach der Modellpflege, die im Herbst ihre Weltpremiere feiert und um Frühjahr zusammen mit dem neuen S-Klasse Cabriolet auf den Markt kommt, kaum ändern. Dabei ist es nicht so, dass Mercedes erstmals ein viersitziges Nobelcabriolet auf den Markt bringt. Bis 1971 war die offene S-Klasse das Maß aller automobilen Dinge - nicht nur, aber insbesondere in den USA.

Heute ist das 4,90 Meter lange Topmodell des Mercedes 280 SE 3.5 mit seinem grandiosen V8-Triebwerk ein überaus exklusiver Klassiker. Hoch karätige Schauspieler, erhabene Firmenchefs und Top-Fußballprofis ließen sich seinerzeit nur allzu gerne in der viersitzigen Luxuskarosse ablichten. Zwischen 1969 und 1971 wurden vom offenen 3,5er der Baureihen W 111 / 112 gerade einmal 1.232 Fahrzeuge gebaut, die heute teurer denn je sind. Von den fünf Modellen 220 SE, 250 SE, 280 SE, 300 SE und eben dem 280 SE 3.5 wurden in Sindelfingen überhaupt nur 7.013 Fahrzeuge produziert, bevor der SL-Roadster das Luxussegment mit dem Stern übernimmt. Im vergangenen Sommer wurde von RM Auctions ein besonders gut erhaltenes Modell des 280 SE 3.5 für fast 430.000 Dollar versteigert. Doch auch die normalen Fahrzeuge erzielen besonders auf dem Hauptmarkt in den USA Spitzenwerte. Die Hagerty Versicherung schätzt einen Mercedes 280 SE 3.5 im Zustand zwei heute mit fast 300.000 Dollar ein; mehr als das Doppelte als noch vor zehn Jahren. Selbst die kleinere Sechszylinderversion kommt auf einen Zweitwert von 75.000 Dollar.

Besonders begehrt sind die Flachkühlermodelle. Mit der letzten Überarbeitung wurde der Kühlergrill von Coupé und Cabrio flacher und breiter ohne dabei nach heutigen Maßstäben allzu mächtig zu wirken. Die zeitlose Eleganz, die der offene 280 SE von außen mit einer visuellen Chromorgie und dem charakteristischen Sechs-Augen-Gesicht verbreitet, setzt sich im Innenraum nahtlos fort. Auch hier strahlen einen edle Hölzer und Chromelemente an, während man sich vorn oder im Fond in den schweren Ledersesseln fläzt und den Duft vergangener Jahrzehnte in sich aufsaugt. Zwar muss das große Stoffdach anders als bei den amerikanischen Cabriovorbildern noch vergleichsweise aufwendig manuell bedient werden, doch zumindest die vier Seitenscheiben gleiten auf Knopfdruck elektrisch in ihre Karosseriehöhlen und geben das Panorama der natürlichen Umgebung frei. Ist die mächtige Mütze einmal geöffnet, heißt es jedoch die schwere Stoffpersenning über das heruntergeklappte Dach zu stülpen. Heute fährt das Stoffdach wie von Geisterhand sogar bei langsamer Fahrt in einen Verdeckkasten. Ebenfalls typisch für die Ära der 60er und 70er Jahre: das spindeldürre Lenkrad mit verchromten Hupring. Dazu gibt es im Innern des Luxusschwaben dünne Schieberegler für eine ebenso kräftige wie lautstarke Heizung ohne Klimafunktion, Drehregler und einen ausziehbarer Ascher direkt neben der allzu lieblosen Analoguhr im Kastendesign.

Damals nicht anders als heute: wer es wirklich geschafft hatte, gab sich mit den alles andere als schlechten Sechszylinderversionen nicht zufrieden. Das Topmodell des Mercedes 280 SE 3.5 wurde vom 1969 eingeführten V8-Triebwerk befeuert, der das immerhin 1,7 Tonnen schwere Cabrio mit seinen 147 kW / 200 PS immerhin 210 km/h schnell werden ließ. Die Motorleistung wurde dabei mit einer sahnigen Viergang-Automatik an die Hinterachse übertragen. 44 Jahre später wird der Kunde des zukünftigen S-Klasse Cabrios ab Frühjahr 2016 zunächst zwei aufgeladene Alternativen haben: einen V8 mit 455 und einen allradgetrieben S 63 AMG mit 585 PS und gigantisch 900 Nm maximalem Drehmoment. Der 200 PS starke Viersitzer von einst zeigt, dass man auch mit weniger Dampf souverän gleiten kann. Für die schnelle Gangart selbst ist der 3,5er schon deshalb nichts, weil sein Fahrwerk vollends auf maximalen Reisekomfort ausgelegt ist und auch die Karosserie nach heutigen Maßstäben einiges an Steifigkeit vermissen lässt. Das Spurtvermögen 0 auf Tempo 100 in zehn Sekunden ist dabei genauso ohne jede Bedeutung wie der seinem Besitzer in Aussicht gestellte Normverbrauch von knapp 20 Litern. Ein hydropneumatischer Niveauausgleich an der Hinterachse bügelt jegliche Unebenheiten weg und lässt einen wie in einer offenen Sänfte reisen, während es in spürbarer Schräglage durch flott durchfahrene Kurven geht.

Die großen Limousinen, Coupés und Cabrios aus dem Hause Mercedes waren in der zweiten Hälfte der 60er Jahre nicht nur führend in Sachen Antrieb, Luxus und Komfort. Insbesondere im Bereich Sicherheit setzten sie neue Maßstäbe im Automobilbau. Auch wenn Kopfstützen noch in den Anfängen lagen, gab es beim Cabrio der Baureihe W 111 unter anderem Dreipunktgurte, verformbare Knautschzonen, Scheibenbremsen rundum und sichere Keilzapfen-Türschlösser, die sich auch nach einem Aufprall öffnen ließen. Gestern wie heute war und ist der Mercedes 280 SE 3.5 ein Traumcabriolet wie nur wenige in der Automobilgeschichte. Die Marktpreise dürften eher noch steigen. Dagegen wird der Nachfolger als Neuwagen dann mit einem Preis von rund 130.000 Euro fast schon ein Schnäppchen, der es aber kaum zum Klassiker schaffen dürfte. Das allein verhindern wohl seine zu erwartenden Verkaufszahlen.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: Autoplenum, 2015-08-30

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