12Gebrauchtwagen.de12Neuwagen.de

Unsere Partnerseiten:

Autoplenum, 2011-08-25

Rallye auf dem Beifahrersitz - Ritt auf der Kanonenkugel

Testbericht

Marcel Sommer

Ein guter Rallyefahrer kommt auch ohne seinen Beifahrer ins Ziel. Allerdings
wesentlich später als die Konkurrenz mit atmender Navigationshilfe. Und da es in der Rallye-WM nicht um Minutenabstände, sondern um Zehntel geht,
entscheidet jede noch so kleine Information über Sieg oder Niederlage.

Es ist Mittag, die Sonne brennt unerbittlich auf das Dach des
Porsche 911 GT3 Cup ST. Schon vor dem Start liegt die
Innenraumtemperatur bei über 40 Grad. Klaus Wicha, seines Zeichens
professioneller Beifahrer - korrekterweise heißt es
„Zweiter Fahrer“ - betritt das Fahrerlager. Der gelernte Maschinenschlosser
fährt seit 1982 verschiedenste Rallyes und feierte 1989 in Griechenland
sein World Rallye Car-Debüt. Der 50-Jährige hat eine
einfache Antwort auf die Frage, warum er denn nicht selbst am Steuer
sitzt: „Ich habe es einmal versucht aber sehr schnell gemerkt, dass ich
vorn rechts besser aufgehoben bin.“ Das Besondere an diesem
Rennwochenende ist, dass ich während des sogenannten Shake-Downs
den Platz von Klaus übernehmen darf. Mit meiner Größe von 1,93 Meter
und einem BMI-Wert weit über dem eines professionellen Rennfahrers fällt
schon die erste Sitzprobe in dem Rallye-Porsche wie eine schon zu
Schulzeiten gehasste Turnübung aus.

Das Wichtigste beim Einsteigen ist, sich zu merken, wie man eingestiegen ist.
Heraus geht es nämlich am besten in genau der umgekehrten
Bewegungsreihenfolge. Erst einmal drin im Rennschalensitz, fesselt mich der
Blick auf das karge aber dennoch sehr interessante Innenleben des 911ers.
Die beiden Feuerlöscher vor den Sitzen und die fetten Stahlrohre vermitteln
ein Gefühl von Sicherheit, lassen ihn aber auch gleichzeitig wie einen
hochexplosiven Vogelkäfig wirken. Trotz meiner kurzen Hose und dem T-Shirt
wird es schnell warm im Innenraum und die Gedanken an die noch
kommenden Momente treiben mich grazil wie ein Elefant aus dem noch
stehenden Käfig heraus. Nach einem kurzen Informationsaustausch steht fest,
dass ich laut den Regularien unter meinem feuerfesten Rennanzug feuerfeste
Unterwäsche tragen muss. Soll heißen, es wird unfassbar heiß. Einziger
Vorteil: Vor Hitze anfangen zu brennen werde ich nicht.

Bevor der Motor gestartet wird, lasse ich mir erst noch die Aufschriften
von Klaus überreichen – und erklären. Alle WM-Piloten dürfen nämlich die
Wertungsprüfung vor der Rallye zu einem festgelegten Termin zweimal
abfahren und sich währenddessen alles notieren, was wichtig scheint. Was
dabei herauskommt, sind stenografische Aufzeichnungen, mit denen ein
Außenstehender so gut wie nichts anfangen kann. Einzig meine
Playstation- und PC-Erfahrungen lassen mich nicht wie einen total
Ahnungslosen wirken. Sätze wie „50 links zwo über Kuppe nicht schneiden
30 Senke rechts vier macht zu“ kommen mir daher zwar bekannt, in
schriftlicher Steno-Form jedoch recht spanisch vor.

Nach einer 15-minütigen Blitzeinführung in die mit 5,7 Kilometern Länge recht
überschaubare Strecke, habe ich zwar annähernd alle neun Seiten
verstanden, sie während der Fahrt für meinen Fahrer verständlich zu
verbalisieren halte ich jedoch für eine echte Herausforderung. Ich solle
mir darüber aber keine Sorgen machen, da Klaus die Strecke vorher
zweimal im Renntempo mit seinem Fahrer abfahren wird, der soeben das
Fahrerlager betritt. 1,74 Meter groß, 60 Kilogramm leicht und ein Strahlen auf
dem Gesicht, das verrät: hier hat jemand Spaß an dem was er tut. Aber wer
ist das? Timo Bernhard. Der 30-Jährige Porsche-Werksfahrer fährt
normalerweise die großen Langstreckenrennen wie die 24 Stunden von Le
Mans oder die legendären 24 Stunden auf der Nordschleife. Aber er fährt sie
nicht nur, er gewinnt sie auch. Den Rallyesport hat er sich zum Ausgleich
ausgesucht. Andere spielen Golf, er fährt mit Vollgas durch Weinberge.

Es ist soweit, der einzige Porsche im Starterfeld rollt zum letzten Mal an mir
vorbei. Gleich ist Beifahrer-Wechsel. Der Rennanzug sitzt wie eine zweite
Haut. Die Unterwäsche sorgt für eine wohlige Hitze und der in der Sonne
funkelnde Helm passt wie angegossen. Der erste Liter Schweiß ist bereits
geflossen. Mein äußerst sensibler Magen beginnt zu rumoren. Ein letzter Blick
in den Himmel und nochmals tief Luft geholt. Durch meinen Helm dringt der
unüberhörbare Sound des 3,6 Liter- und ca. 420 PS starken GT3 Cup ST-
Motors. Die nur gut drei Kilogramm leichte Tür schwingt auf und Klaus klettert
geschickt aus dem Käfig in die Freiheit. Die Freiheit, die ich nun gegen den
Beifahrersitz auf der Rallye Deutschland eintausche. Nach einem etwas länger
andauernden Anschnallakt vereint mich der Fünf-Punkt-Gurt mit dem
Fahrzeug. Dank meiner Größe findet auch mein behelmter Kopf recht schnell
Kontakt zum Auto, was sich bereits nach der ersten Kurve als Nachteil
herausstellen soll.

Ein kurzer Blick von Timo gepaart mit dem Satz „Das wird geil!“ lässt nun
auch meine letzte Hoffnung auf eine magenfreundliche Spritztour in dem
gefühlt 90 Grad heißen Innenraum dahinschmelzen. Auf meine Frage, ob er
sich denn bei den ersten beiden Durchläufen die Strecke hat gut merken
können, kommt ein grinsendes „Ich verlass mich auf Dich“ zurück. Ach ja, der
zweite Liter ist soeben verschwitzt worden.

Startzeit 14:07 Uhr. Laut der Aufzeichnung geht es bereits nach 50 Metern im
rechten Winkel nach links ab. Was folgt ist ein Schotterweg quer durch ein
Feld mit einer nach 30 Metern folgenden, halblangen Rechtskurve. Das einzige
was nach dem Blitzstart über meine Lippen kommen soll ist allerdings: „50
Abzweig links zwo cut rollt Feld 30 rechts drei half long.“ Was davon nun
tatsächlich den Weg in Timos Ohren gefunden hat, weiß ich bis heute nicht.
Ich stelle schnell fest, dass Playstationspiele zwar immer realistischer, aber
niemals echte Rallyefahrten ersetzen werden. Die Landschaft zischt an uns
vorbei, der Abstand zur Streckenbegrenzung geht gegen Null und die
Bremspunkte von Timo unterscheiden sich in einigen Metern von den meinen.

Nachdem ich bereits bei der Hälfte der ersten Seite meines Road-Books ins
visuelle Schlingern gekommen bin, blättere ich die restlichen acht Seiten im
Takt um. So bleibt zumindest der Anschein eines aktiven Beifahrens bestehen.
Auf Seite drei angekommen meldet sich mein Magen und meine Augen
versuchen, ganz wie auf hoher See, den Horizont zu erfassen. Da fällt mir auf,
dass viele hundert Menschen an der Strecke stehen und jubeln. Ich erwische
mich sogar dabei zu winken, während Timo die freistehende Handbremse für
die nächste spektakuläre Haarnadel, also links eins, betätigt. Als wenn ich es
geahnt hätte, überqueren wir passend zu meinem letzten rhythmischen
Seiten-Umschlag die Ziellinie. Die gestoppte Zeit von vier Minuten 18
Sekunden spiegelt nicht annähernd die meiner inneren Uhr wieder. Es war
eine Ewigkeit. Ungefähr dieselbe Zeit verbleibe ich übrigens auch noch nach
dem finalen Stopp in meinem liebgewonnenen Rennschalensitz, denn ich habe
unterwegs vergessen, wie ich eingestiegen bin.

Quelle: Autoplenum, 2011-08-25