Entspannt, alltagstauglich, praktisch, übersichtlich, zurückhaltend und zeitlos schön (kantig). Also alles, was ein Auto heute nicht mehr ist.
Der V70 ist das Facelift des 855, und das war schon ein tolles Auto. Bei der Erneuerung wurden die Konturen weicher, leider auch das Plastik im Innenraum, was sich jetzt im Alter negativ bemerkbar macht.
Ich will meinen Bericht in zwei Teile aufteilen. Einmal, was bot das Auto als es neu war und einmal, was davon ist wahrscheinlich noch/nicht mehr vorhanden bzw. bedarf etwas Zuwendung, damit es wieder gut funktioniert.
Der V70 war Volvos Angebot in der gehobenen Mittelklasse und war skandinavisch-kühl und zurückhaltend, also definitiv kein Vertreter der abgehobenen Mittelklasse. Wer ein solches Auto sucht, wurde bei Volvo damals nicht fündig und daran hat sich nix geändert, auch heute noch sind topgepflegte Exemplare selten. Volvos haben gelebt und das sieht man ihnen an! Wo Volvo aber durchaus sehr auf der Höhe der deutschen Konkurrenz war, das war bei den Preisen - die waren damals recht happig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es auf den ersten Blick gar nicht so viel zu geben schien. Auf den zweiten Blick schaut es freilich anders aus, aber den hat nicht jeder dem Auto überhaupt zugeworfen.
Es gibt elektrische Fenster und Spiegel und manuelle Klimaanlage serienmäßig, Toter-Winkel-Spiegel Fahrerseite ebenso, ABS und Servo sollten damals selbstverständlich sein, sind sie auch. Dazu Wärmeschutzverglasung und einen Blaukeil am oberen Rand der Windschutzscheibe, automatisches Licht und höhenverstellbare Sitze vorne, mit Mittelarmlehne und eingebauter Lendenwirbelstütze. Fünf Dreipunktgurte und Airbag Fahrerseite, Beifahrerseite kostete zwar nix extra, musste aber ausdrücklich bestellt werden - die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch daran, dass eine Abschaltung bei Nutzung einer Babyschale auf dem Beifahrersitz seinerzeit nicht zulässig war - gab es obendrein und ein weiches Kunststofftrennnetz in den Lehnen der Rücksitzbänke. Der Beifahrersitz war bei allen Modellen klappbar und somit ergibt sich eine Lademöglichkeit von fast 3m im Auto. Die Rücksitze können komplett (Sitzfläche und Lehne) ein zu zwei Drittel geklappt werden, wobei die Sitzfläche für mehr Ladevolumen noch herausgenommen werden kann. Geht leicht und bringt durchaus was. Allgemein ist der Kofferraum gut zugänglich und gut beladbar, Urlauber und Hundemenschen kommen voll auf ihre Kosten. Extra kosteten unter anderen Sitzheizung, gab es auch für hinten, integrierte Kindersitze, gab es für die Mittelarmlehne hinten für Babies und als Polstererhöhung für die äußeren Sitze hinten. Bei den Polstern gab es von Stoff über Leder fast nichts, was es nicht gab, und über die Sitze in einem Volvo wird niemand ernstlich meckern können. Bordcomputer, Klimaautomatik und Dachreling mussten auch extra bezahlt werden.
Bei den Motoren gab es nur Fünfzylinder, wer vier oder sechs wollte, dem bot Volvo mit der 900er-Serie eine - übrigens vollkommen verkannte - Alternative an. Automatik oder Schaltgetriebe waren mit allen Motoren lieferbar, eben auch mit dem 144PS 10V. Vorsicht, der 140PS ist ein 20V und hat eine elektronische Drosselklappe, der 144er 10V eine Mechanische, dafür auch 'nur' Euro2.
Der 144er ist ein bequemer Cruiser, der sich im Drehzahlbereich Leerlauf bis ca. 3.000/3.500 U/min wohl fühlt, aber keine Wunderdinge an Beschleunigung vollbringen kann. Endgeschwindigkeit ist mit 205km/h aber durchaus nicht zu verachten, dauert halt etwas bis man dort ist - dafür lassen sich die 10V recht sparsam bewegen. Zwischen 8 und 8,5l/100km sind durchaus machbar, wenn man weiß wie viel Gas der Motor genau jetzt in Vortrieb umsetzen kann und will, weiter runter treten bringt sehr wenig Leistung aber mehr Verbrauch. Wer gerne hochdreht, dem sei der 170PS 20V, mechanische und vor allem elektronische Drosselklappe ans Herz gelegt. Oder halt ein Turbo. Braucht man 'mehr'? Na ja... mitschwimmen kann man gut, wer gerne sportlich unterwegs ist, der kauft eh was Anderes. Wobei die Delta Link Hinterachse durchaus gefällt,die Lenkung ist recht direkt, aber es ist und bleibt ein braves Familienauto und will auch gar nix Anderes sein.
Wenn man das Fahrverhalten beschreiben möchte, so gibt es dafür nur ein Wort - unkompliziert. Der V70 macht es einem leicht. Übersicht ist großartig, damals baute man in Autos noch Fenster ein, die Bedienelemente sind praktisch selbsterklärend und am richtigen Platz, Parklücken sind nie zu schmal, höchstens zu kurz, denn 4,70m müssen halt unterkommen.
Alles in allem ein gut durchdachtes und auch heute noch stimmiges Konzept.
Aber... auch ein Volvo altert. Langsamer und würdevoller als manches andere Auto, aber eben doch. Und damit bin ich bei - was kann schiefgehen?
Der Motor ist aus Alu, somit sollte ein Kühlmittel verwendet werden, das zu Alumotoren passt. Volvo blau-grün ist natürlich besonders sinnig. Zahnriemen bitte prüfen, da nicht experimentierfreudig mit den Intervallen sein, der Motor ist kein Freiläufer - gibt ja eh praktisch keine mehr. Ansonsten Ölfalle und Auspuffkrümmer genau anschauen. Klimaanlage ist nach über zwanzig Jahren vermutlich entweder mal gemacht worden, oder halt kaputt, das ist nämlich teuer. Aufhängung und Bremsen sind bei einem schweren Auto leider Verschleißteile, dafür allerdings nicht teuer. Generell ist das Auto wartungsfreundlich und Mechaniker, die sich mit diesen Autos auskennen arbeiten eigentlich meist gerne an ihnen.
Weh tut Rost und auch Volvos rosten, bitte vor Kauf genau schauen. Es ist selten komplett zu spät, aber gute Arbeit in dem Bereich kostet ihr Geld.
Unschön ist die Innenverkleidung, die Weichmacher und Kleber haben sich über die Zeit gelöst und das sieht man - gleiches gilt für den Softlack auf Schaltern und Bedienelementen. Wer immer den Autoherstellern die Idee eingeblasen hat, dem gehört rechts und links was auf die Backe. Sowas gehört nicht in ein Auto!
Ansonsten sind die Autos meist recht gut, auch wenn viele Fahrzeuge nicht gut gepflegt wurden - pingelige Menschen fuhren nicht unbedingt Volvo.