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Testbericht

26. Mai 2015
München, 27. Mai 2015 - Über 50 Jahre mussten europäische Fans warten, bis es Fords Sportwagen-Ikone offiziell über den großen Teich geschafft hat. Wer die Menge an Import-Mustangs auf hiesigen Straßen analysiert, darf sich über die deftige Verspätung schon ein wenig wundern. Die Filmlegende, der Inbegriff von amerikanischer Freiheit, ist auch bei uns äußerst beliebt. Es mag mit Fords neuer "One-World"-Politik zu tun haben. Oder einfach damit, dass der neue Mustang nun auch technisch auf einem Level ist, das europäischen Sportwagen-Freunden endlich mehr als ein mitleidiges Lächeln abringt. Weg mit der Starrachse Ganz richtig, nach gefühlten drei Ewigkeiten hat der Hengst seine hintere Starrachse zum Teufel gejagt und sie durch eine Integrallenkerachse mit Einzelradaufhängung ersetzt. Fords Fahrwerksgurus waren von der Güte der neuen Hinterachse offenbar so überrascht, dass die Vorderachse - um mitzuhalten - gleich mal zum Nachsitzen geschickt wurde. Mustang Nummer Sechs hat nun eine wesentlich breitere Spur und 30 Millimeter tiefer als bisher sitzt er auch. Kaum Extrawürste für EuropaNeben der Dynamik profitiert freilich auch die Optik von einer derartigen Operation. Schwer genug, aber der Stang steht schärfer da denn je. Mit seinen massiven Schultern, dem gemeinen Haifischmaul und angsteinflößend dreinblickenden Scheinwerferschlitzen wirkt er alles andere als Retro. Dass es sich um einen Mustang handelt, sieht man trotzdem sofort. Europäische Extrawürste gibt es übrigens nicht. Der Euro-Mustang ist weitgehend identisch mit der US-Version. Lediglich das mehr als brauchbare Performance-Pack (Hinterachs-Sperrdifferenzial, große Brembo-Bremse, 19-Zöller) müssen die Amis extra bezahlen und wir nicht.
Wie machen die das? Apropos bezahlen: Wir wissen noch immer nicht genau, wie Ford es gemacht hat, aber im Falle des Mustang GT erhält man für genau 40.000 Euro einen 421-PS-Aluminium-V8, besagte Performance-Extras, elektrische Ledersitze, eine Klimaautomatik, Xenon-Scheinwerfer, eine Launch Control, ein sehr unsinniges aber erheiterndes Spielzeug namens Line Lock sowie einen Acht-Zoll-Touchscreen. Eine Aufpreisliste ist quasi nicht vorhanden: Es gibt ein Navi, eine Automatik, Parkpiepser, Recaro-Sportsitze und ein besseres Soundsystem. Und ja, auch die Optionen sind ungewohnt höflich eingepreist. Innen so lala Wer mit den Preislisten deutscher Sportwagen vertraut ist, wird zwangsläufig von einem gewaltigen Druckfehler ausgehen. Oder von einer Verarbeitung, die halbseidener daherkommt, als ein Fifa-Kongress. Dem ist aber nicht so. Alles am Mustang wirkt sorgfältig verschraubt. Und der Innenraum ... naja ... also ... erwarten Sie keine Wunderdinge, aber wenn Sie sich an einem normalen Focus oder Mondeo orientieren und ein paar Hartplastik-Prozente abziehen, wissen Sie, was Sie erwartet. Allerdings hat des Hengstes Höhle durchaus ihren Charme, die Bedienung funktioniert einwandfrei (so viel zu bedienen gibt es ja nicht) und wer sich bei diesem Kurs über ein bisschen zu viel US-Premium-Kunststoff beschwert, der hat das Auto ohnehin nicht verstanden. V8 vom alten Schlag Sind wir doch mal ehrlich: Alles, was wir von diesem Fahrzeug wollen, ist ein saugender, unflätig wummernder V8, ein bisschen Party im Heck und vielleicht, dass er etwas besser um die Kurve fährt als seine Vorgänger. Um den Achtzylinder müssen Sie sich dabei die wenigsten Sorgen machen. Ford hat das Fünfliter-Aggregat aus dem alten Mustang übernommen, aber eigentlich alles außer den Block gründlich neu gescheitelt. Seinen geliebten Tugenden bleibt er aber glücklicherweise treu: Es erwartet Sie ein grundehrlicher, rütteln­der, schüttelnder, wild stampfender Hubraumriese, der das Studium der versauten Akustik mit Bravour bestanden hat. Sie merken deutlich, dass da vorne etwas ziemlich Großes rotiert, gleichzeitig hängt das Aggregat irre gut am Gas.
Schalten wie im Japan-Sportler Von null auf hundert km/h vergehen nur 4,8 Sekunden. Eine Mercedes-C-63-ähnliche Biturbo-Dampflock ins Kreuz sollten Sie allerdings nicht erwarten. Der Mustang ist zweifelsfrei schnell, er kämpft aber auch mit 1.720 Kilo feinstem amerikanischem Bacon. Die Lösung lautet: viel Drehzahl! Und die kriegen Sie auch. Der Mustang mag Drehzahl. Was Sie am Mustang mögen könnten, ist sein neues Schaltgetriebe. Der kleine Hebel klackt kurz und knackig durch die Gassen und man wähnt sich eher in einem Mazda MX-5, denn in einem deftigen US-Powerhaus. Auch wenn wir die Sechsgang-Automatik noch nicht ausprobieren konnten, scheint der Griff zum Schalter also zumindest nicht ganz verkehrt. Keine Chance für Vorurteile Weil dies ein Test eines amerikanischen Autos ist, müsste jetzt eigentlich folgendes kommen: "Wie erwartet beeindruckt er mit seinem eklatanten Vortrieb. Leider schwankt und schaukelt er hilflos durch die Kurve, wie ein Ausflugsdampfer auf dem Rhein." "Leider" enttäuscht der Mustang den vorurteilsbehafteten Sportwagenfreund auf ganzer Linie. Dieser Hengst manövriert höchst unterhaltsam. Und zwar unabhängig vom Fahrmodus (da gibt es vier) oder der Lenkeinstellung (hier gibt es drei). Er wirkt agil, bissig, aufmerksam. Wenn Sie wollen, malt er natürlich nach wie vor kilometerlange schwarze Streifen in den Teer, aber diesmal kennt er in der Kehre auch den kurzen, effektiven Weg. Bei Nässe hinterlistig Solange es trocken ist, gript er sogar richtig vertrauenerweckend. Wenn es nicht trocken ist, sollten Sie aber auf den nahezu Rettungsanker-freien Race-Modus oder gar auf den ESP-Aus-Schalter verzichten. Denn bei Nässe fährt der Stang nur im Kreis. Es ist tatsächlich der Regen, in dem das neueste Pony noch Restanflüge von Tripple-Whopper-mit-Bud-Light-Fahrdynamik zeigt. Wenn man das Tempo anzieht, könnte er zudem etwas straffer sein und sich ein bisschen weniger bewegen. Ansonsten gibt es wenig zu meckern: Ford hat mit dem neuen Mustang einen Sportwagen für Herz und hohe Ansprüche gebaut. Und zwar auch nach europäischen Maßstäben.
Was kann der EcoBoost-Vierzylinder? Sollten Sie den Mustang als Alltagsauto in Erwägung ziehen, ist das ebenfalls kein Problem. Freuen Sie sich auf 408 Liter Kofferraum und lernen Sie mit seiner gewaltigen Breite sowie null-komma-null Kopffreiheit im Fond zu leben. Und rechnen Sie damit, dass er sich gut und gerne 15 Liter gönnt. Mit sehr wenig Enthusiasmus sollten auch 11 bis 13 Liter drin sein. Trotzdem zu viel Sprit? Es gibt da noch einen 2,3-Liter-EcoBoost-Vierzylinder, dessen 314 PS immerhin für 5,8 Sekunden auf 100 km/h gut sind. Er startet schon bei 35.000 Euro, wirkt sehr elastisch, leidet aber unter akuter Angst vor dem roten Bereich und einem arg künstlichen Motor-Sound aus dem Verstärker. Natürlich gibt es den Mustang auch als Cabriolet. Es wiegt etwa 60 Kilo mehr und ist jeweils 4.000 Euro teurer. 3.000 Mustang wird Ford in diesem Jahr wohl noch nach Deutschland bringen. Die meisten davon sind schon weg (was uns nicht im geringsten wundert). Und zwar, wie man stolz verkündete, komplett ohne Rabattierung. Das hat es bei Ford in den letzten 50 Jahren wohl auch noch nicht gegeben.
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Technische Daten
Antrieb:Hinterradantrieb
Anzahl Gänge:6
Getriebe:manuell
Motor Bauart:V-Motor
Hubraum:4.951
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:8
Leistung:310 kW (421 PS) bei UPM
Drehmoment:524 Nm bei 4.250 UPM
Preis
Neupreis: 40.000 € (Stand: Mai 2015)
Fazit
Ford hat uns mit dem ersten europäischen Mustang gewaltig überrascht. Das Auto jagt einem zu jeder Zeit einen dicken Muscle-Car-Schauer über den Rücken, ist aber nun auch fahrdynamisch so gut wie auf Augenhöhe mit der europäischen V8-Konkurrenz. Das klitzekleine Problem für die europäische V8-Konkurrenz: Der Mustang kostet knapp die Hälfte. Da verzeiht man auch ein paar Hartplastik-Aussetzer im Interieur. Herzlich Willkommen in Europa, Ford Mustang. Schön, dass Du da bist. + grandiose Optik, emotionaler V8, sehr gute Fahrdynamik, unschlagbarer Preis - Innenraum-Ambiente, Verbrauch
Testwertung
5.0 von 5

Quelle: auto-news, 2015-05-26

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