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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 4. Dezember 2016
Der Lamborghini Miura feiert seinen 50. Geburtstag. Eine Fahrt mit zitronengelben Supersportler beeindruckt heute noch genauso, wie vor einem halben Jahrhundert. Erst recht kurz vor Weihnachten.

Preisfrage. Wo sollte man einen Lamborghini Miura fahren? Rennstrecke? Toskana? Alles kalter Espresso. Wenn schon, dann auf der Stier-Farm der Miura-Familie. Also dem Ursprung des Namens, der übrigens nicht der eines Stiers ist, sondern der Züchter der Kampfbullen. Aber das ist nicht der einzige Mythos, der an diesem Tag zerstört wird. Jetzt gilt es erst einmal, sich mit der gelben Ikone bekanntzumachen. Voller Ehrfurcht, versteht sich. Miura, der erste Supersportwagen des norditalienischen Autobauers Lamborghini. Vor 50 Jahren erblickte der Über-Stier das Licht der Welt und befeuert bis heute die Phantasien echter Car Guys, also solchen Zeitgenossen, bei denen Benzin durch die Adern fließt. Mit diesem Fahrzeug begann der Mythos der Autos aus Sant\\\'Agata Bolognese.

Die Legende will es, dass Ferrucio Lamborghini aus Verärgerung über die Ferrari-Arroganz dem Sportwagenbauer eine auswischen wollte. Der Miura sollte den ungeliebten Platzhirschen auf die Hörner nehmen, und den Konkurrenten Ferrari 275 und den Ferrari 365 zeigen, wo es langgeht. Die Technik war dementsprechend kompromisslos und schöpfte das Technik-Arsenal der damaligen Zeit voll aus: Ein Brutalo-V12-Motor mit zunächst 350 PS und später 385 PS, vor der Hinterachse montiert, befeuerte das 1,2 Tonnen Geschoss auf unglaubliche 274 km/h beziehungsweise 285 km/h beim Super Veloce. Die Stars liebten die Schönheit aus Norditalien. Das Schotten-Reibeisen Rod Stewart holte sich einen und sogar zwei Protagonisten des legendären "Rat Packs" Dean Martin und Frank Sinatra. "Wenn du jemand sein willst, kaufst du einen Ferrari. Wenn du jemand bist, kaufst du einen Lamborghini", soll Frank "The Voice" gewohnt pointiert gesagt haben. Eine bessere Werbung konnte Feruccio nicht wünschen - 763 Modelle verließen laut Lamborghini die Fabrik in Norditalien, davon zwischen 1971 und 1973 insgesamt 150 SV.

Der Erstkontakt mit der rollenden Ikone mit dem Kürzel SV auf der Karosserie ist mühsam. Kleine Sitzschalen und ein flaches Dach zwingen zu einer ersten Turnübung beim Einsteigen. Das Lenkrad hat die Größe einer Medium-Pizza, ist recht weit entfernt, liegt aber gut in der Hand. "Beim Schalten vom ersten in den zweiten Gang, bitte zweimal die Kupplung treten", empfiehlt der freundliche Lamborghini-Mechaniker. Der Hinweis auf jahrelange Erfahrungen mit einem Alfa Romeo Getriebe, das genauso behandelt werden wollte, beruhigt den Mann etwas. Ein kurzer Dreh am Zündschlüssel und der Vierliter-Biest erwacht knurrend zum Leben. Die Nüstern der potenten Antriebs-Bestie befinden sich in den Türschwellern. Laut röchelnd inhaliert das Monster die Luft, um sie dann in die zwölf Brennräume zu pressen. Mit jedem Zentimeter, mit dem sich der Zeiger des Drehzahlmessers dem roten Bereich nähert, schwillt das Inferno im Rücken des Piloten an. Aus einem mechanisch unterlegten Grummeln, wird ein Grollen und letztendlich ein metallisches Sägen, Kreischen und Schreien, dass die Haarbalgmuskeln am Unterarm zur Kontraktion anregt. Laut japsend und schnorchelnd japst das Herz des Bullen nach Sauerstoff, nur um im selben Atemzug vom Fahrer noch mehr Leine zu verlangen.

Die Lenkung ist direkt und der Miura legt für einen 50jährigen Sportler eine erstaunlich gute Sohle auf das Parkett. Das Mittelmotorkonzept hilft beim Wedeln, kann aber jederzeit die Bestie freilassen, wenn man es übertreibt. So lange der Benzintank, der sich in der Front des Boliden befindet, gut gefüllt ist, machen die Fronträder auch klaglos jeden Spaß mit. Mit abnehmenden Treibstoffstand steigt das Eigenleben der Vorderachse. Doch diese Leichtigkeit des dynamischen Seins, lässt sich kontrollieren - einfach beim Kurvenausgang möglichst präzise zielen und sachte auf das Gas gehen. Übertreiben tut man es ohnehin nicht, schließlich bewegt man eine echte Preziose, eine Ikone. Spaß ist dennoch garantiert. Die offene Fünfgang-Schaltkulisse verhöhnt mit jedem metallischen Klacken all die Automatik- und Doppelkupplungsgetriebe-Jünger, die nach Wippen hinter dem Lenkrad tasten. Einfach herrlich archaisch.

Das akustische Tsunami im Rücken des Piloten ist nicht nur ein effektheischendes Schauspiel. Mit der Urgewalt eines losgelassenen Bullen stürmt der 4,39 Meter lange Italiener und Rücksicht auf Verluste los. Schon im dritten Gang sprintet der Miura in der Mitte des Drehzahlbandes 170 km/h schnell. Der quer eingebaute Aluminium-Motor bietet für damalige Zeiten fortschrittlichste Renn-Technik: Zwei obenliegende Nockenwellen pro Zylinderbank waren bei Straßenwagen eine Rarität. Neben Ferrari existierte noch eine weitere Messlatte. "Wir waren alle vom Ford GT40 fasziniert" erinnert sich Chefingenieur Gian Paolo Dallara. Der Geist des reinrassigen Motorsports zieht sich durch jede Faser der traumhaft schönen Karosserie. Mit jedem Meter Asphalt, den der italienische Stier zurücklegt, wächst das Vertrauen in sein Können. Doch dann heißt es Abschied nehmen. Beim Rausschälen aus dem Cockpit tritt Eduardo Miura an das Auto heran. "Wissen Sie, Ferrucio Lamborghini kam erst zu uns, als das Auto schon gebaut wurde. Er hatte zwei Miuras dabei, die an Madrilenen verkauft waren, ließ kurz das Foto machen, auf dem er meinen Großvater umarmt und fuhr weiter." Damit ist eine weitere Legende als nicht ganz der Wahrheit entsprechend entlarvt. Der Nimbus des Miuara bleibt dabei unberührt.
Testwertung
5.0 von 5

Quelle: Autoplenum, 2016-12-04

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